Auf der Waage mit Newton

Die spitzen Beckenknochen durchbrechen die weichen Rundungen ihres Körpers. Hart ragen sie hinaus als wollten sie die zarte Haut durchbohren. Wenn der Blick hinaufwandert, bleibt er hängen an der Klaviatur ihres Brustkorbes. Regelmäßige Wölbungen, auf denen die Finger spielen möchten, würden sie sich nicht vor der Härte des Widerstandes fürchten. Das Skelett der Weiblichkeit trägt einen anmutigen Kopf mit einem frischen kessen Gesicht, umrahmt von lebensfrohen dunklen Locken. Die Augen strahlen, obwohl sie dunkel sind wie Mahagoni. Sie ist schön und keck, Newtons Arielle. Und sie ist sehr dünn.

Auf der Diskussionsbühne der Museumsdirektor, eine Modedesignerin, ein Journalist und eine junge Kunststudentin. Im Raum zunächst die Frage, wie unsere Gesellschaft heute mit der Darstellung von nackten Frauen umgeht. Dann, ob Künstler wie Newton ein Schönheitsideal prägen, das in die Magersucht führt.

Nackt sein. Für die meisten von uns ist es noch immer mit Scham verbunden, die Hüllen fallen zu lassen. Bin ich zu dick, zu faltig, zu kleinbrüstig? Nackt sein, ohne sich ausgeliefert zu fühlen, bedarf Selbstbewusstsein. Den eigenen Körper akzeptieren und ein freundschaftliches Gefühl zu ihm entwickeln fällt manchen ganz leicht, den meisten jedoch schwer. Liegt das tatsächlich an der Macht der Bilder? Sind Modefotos und Aktfotografien tatsächlich der Maßstab, an dem Menschen den Wert ihres Körpers bestimmen? Kann man Künstlern vorwerfen, dass sie nackte schlanke Frauen fotografieren?

Es gilt zu unterscheiden, wie und zu welchem Zweck ein Bild entsteht. Es ist ein Unterschied, ob ein Künstler eine nackte Frau im wahrsten Sinne des Wortes inszeniert, also ein Bild entwirft, das einer Dramaturgie folgt, oder ob ein Autohersteller seinen Wagen verführerischer gestalten will, indem er eine makellose leichtbekleidete Blondine durch den Werbespot schweben lässt. Nacktheit in der Kunst und Nacktheit im Kommerz sind nicht vergleichbar. In der Kunst steht das Bild für sich und für die Geschichte, die es erzählt. In der Werbung steht das Bild für ein Ideal, mit dem sich angeblich Träume verwirklichen lassen. Nacktheit und Erotik hat in diesem Fall Vorbildfunktion: Seht her, wenn ihr so seid, könnt ihr alles erreichen.

In der Kunst ist Nacktheit doch eher ein Symbol. Ein Symbol für Freiheit, für Erniedrigung, für Sexualität oder gar für Stärke. Schaut man in die Gesichter der Frauen, die Newton ablichtet, sieht mein keine Unterwürfigkeit und keine Scham. Stark und im vollen Bewusstsein, was sie tun, schauen sie dem Betrachter entgegen. Nackt zu sein erscheint hier eher als Machtdemonstration. Als wüssten die Frauen um den sexuellen Reiz, der ihnen eigen ist und mit dem sie die Männer in ihren Bann ziehen. Newton ging es nicht um den Entwurf eines Schönheitsideals, sondern um Sexualität. Um das Machtspiel zwischen Mann und Frau.

Wer glaubt, Fotokunst dient allein der Abbildung von Realitäten, täuscht. Die Werke tragen eine Bedeutung hinter dem Sichtbaren, sind Medium. Es ist allein der Betrachter, der dem Bild einen Sinn geben kann. Der Künstler bietet etwa an, der Rezipient muss etwas daraus machen. Wenn er ein Newtonbild anschaut und daraus schließt „Ich muss abnehmen“ hat das Wesen von Kunst nicht verstanden.

Sandra

Sandra

Seit 2008 blogge ich nordisch-frisch über meine Heimatstadt Bremen und alle Regionen, in denen eine steife Brise weht und man lieber in Strandkörben als auf Designermöbeln Platz nimmt. Für Nordseeinseln schlägt mein Herz dabei besonders laut. Noch lauter allerdings für den Lütten, der seit Februar 2016 mein Leben auf wunderbare Weise auf den Kopf stellt.

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