Ein einziger Gedanke

Das Schloss hakt. Ich ziehe den Handschuh meiner rechten Hand aus, greife den Fahrradschlüssel fester und ruckele ihn im Schloss hin und her. Endlich spuckte die Halterung den Verschluss aus. Ich ziehe den Handschuh über die kalten Finger zurück und schiebe das Hollandrad auf den Gehsteig. Ich will zu Dir.

Ich hatte nicht erwartet, dass ich auf dem Fahrrad meiner älteren Kollegin so schnell vorankommen würde. Ich sitze aufrecht, die Beine treten in die Pedale und selbst der eisige Wind schafft es nicht, mich von meinem Plan abzubringen. Zehn Tage habe ich Dich nicht gesehen, obwohl unsere Büros nur 5 Fahrminuten voneinander entfernt liegen. Ich will zu Dir.

Die rote Ampel zwingt mich zum Innehalten. Ich erinnere mich. „Ich brauche Abstand. Laß uns zwei Wochen Pause machen.“ Das war Samstag. Heute ist Mittwoch. Konnte ich es wirklich wagen, diese Verabredung zu brechen? Vor Dir zu stehen, einfach so? Ja, entschließe ich. Mein Kampfesgeist schiebt mich voran. Ich will zu Dir.

Ich sehe Deinen Wagen. Mein Herz schlägt gegen Hals und Brust, will raus aus meinem Körper. Ich merke, dass ich so schnell gefahren bin, dass ich völlig kurzatmig bin. Hastig schließe ich das Rad an und öffne die Eingangstür. Stille im Treppenhaus. Ich eile die Treppe hinauf und spüre zunehmende Übelkeit. Ich kann nichts denken, ich weiß nur eins: ich will zu Dir.

„Hey“ sage ich und blicke in Dein überraschtes, aber erfreutes Gesicht. Du stehst auf, kommst auf mich zu und umarmst mich. Ich fühle Deinen festen Körper und habe Angst davor, dass Du mich wieder loslässt. Das tust Du auch, aber nur um mich anzuschauen und mich nochmal in den Arm zu nehmen. Und dann sagst Du, dass Du in wenigen Momenten Besuch bekommst. Mein Kopf dreht sich, verzweifelt versucht er, zu überlegen, was ich nun tun soll. Doch bevor er einen klaren Gedanken fassen kann, habe ich mich auch schon umgedreht und stürze die Treppe nach unten. „Bleib doch hier.“

Kopflos schiebe ich das Fahrrad vom Hof. Am liebsten würde ich es in die Ecke schleudern und mich direkt daneben werfen. Enthemmt anfangen zu weinen und zu schluchzen. Mich der Panik, die mich übermannt hat, vollkommen hingeben und nie wieder aufstehen. Stattdessen schiebe ich weiter, schlucke die Trauer hinunter und bemühe mich um einen klaren Gedanken. Als er kommt, sagt er mir nur eins: Ich will zu Dir.

Sandra

Sandra

Seit 2008 blogge ich nordisch-frisch über meine Heimatstadt Bremen und alle Regionen, in denen eine steife Brise weht und man lieber in Strandkörben als auf Designermöbeln Platz nimmt. Für Nordseeinseln schlägt mein Herz dabei besonders laut. Noch lauter allerdings für den Lütten, der seit Februar 2016 mein Leben auf wunderbare Weise auf den Kopf stellt.

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