Vom Wochenbett, meiner Hebamme und dem ultimativen Tipp für alle Schwangere in Bremen

Es ist Montag, 1. Februar 2016, 9.40 Uhr. Wir fahren auf der B270 von Bremen-Nord in Richtung Innenstadt. Ich erlebe einen Gefühlsmix wie nach einer durchzechten Silvester-Nacht: Euphorie und Aufbruchsstimmung treffen auf Müdigkeit und Verblüffung über die Ereignisse der zurückliegenden Stunden. Ich trage eine Schlafanzughose (eine andere Hose als die, mit der ich zehn Stunden vorher zuhause ins Bett gegangen bin) und Birkenstock-Schlappen. Was für eine Nacht!

Ich drehe mich um und sehe die Babyschale auf dem Rücksitz. Nur die Rückseite, wie es sich bei der Fahrt gehört. Was ich so nicht sehe, ist das Wunder, das ich noch immer kaum fassen kann: das winzige Baby, das mir gut fünf Stunden vorher zum ersten Mal in die Augen geblickt hat. Aber ich weiß, dass es da ist. Da hinten, auf der Rückbank. Mein Kind.

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 Man muss dem Mutterinstinkt vertrauen lernen

Wann immer ich an die Wochen denke, die an diese wichtige Nacht in meinem Leben anschließen, dann denke ich an Judith, meine Hebamme. Judith, die mich mit ihrer besonnenen, emphatischen Art von so viele Sorgen und Fragen in den ersten drei Monaten als Mutter befreit hat. Rückblickend kann ich über die Verwirrung, die sich rund um das Verhalten meines neugeborenen Sohnes hier und da offenbarte, auch nur noch schmunzeln. Aber im Wochenbett wird selbst die organisierteste und eigenständigste Frau gern mal zum dünnhäutigen Nervenbündel, das nur eins möchte: alles verstehen und richtig darauf reagieren.

Es gibt ihn zwar von Anfang an, den Mutterinstinkt, aber man muss ihm vertrauen lernen. Und auch dabei war mir Judith eine große Hilfe. Was bin ich daher froh, dass ich auf den Rat guter Freundinnen, mir in der Schwangerschaft als erstes eine Hebamme zu suchen, gehört habe. So froh, dass ich ihn jeder Bremerin, die gerade schwanger ist oder zumindest in der Nachwuchsplanung steckt, weitergeben möchte. Vielleicht führt Euch Eure Suche nach der passenden Betreuung dann sogar zu Judith und ihren Kolleginnen. Sie haben nämlich gerade in der vergangenen Woche das Hebammenkontor in der Neustadt eröffnet.

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Neben Judith findet ihr dort noch Isi, Anneke und Anna. Lustigerweise habe ich alle vier, weil sie bereits in meiner Schwangerschaft in der selben Hebammengemeinschaft gearbeitet haben, persönlich kennengelernt. Anne leitete meinen Stillvorbereitungskurs, Isi half mir zuversichtlich und gekonnt im Kreißsaal durch die Blitzgeburt, Anneke setzte mir vor und nach der Geburt im Wechsel mit Anne Akupunkturnadeln. Und Judith, ja Judith war die verständnisvolle Stütze, die mir in den ersten zwei Wochen täglich, danach weiterhin regelmäßig zuhause im Bett oder auf der Couch zuhörte, den Lütten begutachtete und mir alle Tipps gab, die ich brauchte.

Jede von ihnen ist ganz anders als die andere – und das macht ihr Hebammenkontor am Leibnizplatz in der Neustadt meiner Ansicht nach zu einer guten Anlaufstelle für Beratungen, Kurse, Vor- und Nachsorge. (Die Haltestelle direkt vor der Tür übrigens auch.) Denn was für einen schnöden Arztbesuch gilt, ist rund ums Kinder bekommen noch deutlich entscheidender: Die Chemie muss stimmen, man muss sich gut aufgehoben fühlen. Bei den vier unterschiedlichen Mädels dürfte für nahezu jeden Persönlichkeitstyp die passende Hebamme dabei sein. Und die neuen Räume laden zusätzlich zum Wohlfühlen ein.

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Ein Büro, ein Kursraum, ein Vorsorgezimmer, Küche und Bad – das verbirgt sich hinter der Eingangstür im ersten Stock des Leibnitzplatz 3. Reduzierte Pinterest-Gemütlichkeit, wie sie dem aktuellen Zeitgeist entspricht. Ähnlichkeiten zu einer utensilienreichen Frauenarztpraxis sucht man in einer Hebammenpraxis ohnehin vergebens, wie ich im vergangenen Jahr ein wenig überrascht feststellte. Die wenigen notwendigen, teilweise kostspieligen Gerätschaften, beispielsweise das CTG, konnte das junge Team gebraucht übernehmen. Der Second Hand-Markt in der Branche wächst derzeit nämlich gewaltig – leider.

Die Geburt eines Kindes verdient mehr Achtsamkeit als die Entfernung eines Blinddarms

Was dahinter steckt ist nämlich das geräuscharme Sterben eines wirklich bedeutungsvollen Berufes. Immer mehr freiberufliche Hebammen wechseln in die Festanstellung an einer Klinik. Beleggeburten, wie ich sie hatte, ausführliche Vor- und Nachsorgen… das alles geht verloren. Konkret gesagt: Es ist immer schwieriger möglich, in den Wehen eine bereits bekannte Geburtshelferin anzurufen, die dann später auch im Kreißsaal auf einen wartet und nur für das eine Baby da ist, das sich gerade auf den Weg macht. Stattdessen trifft man im Krankenhaus dann auf unbekannte Gesichter, die zwischen zig Kreißsälen und dem Kaiserschnitt-OP hin- und herhasten müssen. Unbefriedigend für beide Seiten – nicht zuletzt, weil die Geburt eines Kindes eine so einschneidende Erfahrung ist, die mehr Muße und Achtsamkeit verdient als die Entfernung eines Blinddarms.

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Und Wochenbett ohne Hebamme? Für mich vollkommen unvorstellbar. Sollen Frauen geschwächt von der Geburt im Wartezimmer ihrer Gynäkologin sitzen, um in einem fixen Termin mal eben etwaige Stillprobleme, die Wahl des richtigen Mittels gegen Baby-Bauchschmerzen und Dammnaht-Beschwerden zu besprechen? Glaubt mir, nach einer Geburt hat man zwischen Babyfaszination, körperlicher Erschöpfung und Elterngeldantrag wenig Antrieb, den Weg zum Arzt auf sich zu nehmen. Judith hingegen konnte ich auch mal flugs eine SMS schreiben.

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Doch wer kann es den freiberuflichen Hebammen verdenken? 271,90 Euro (brutto!) bekommen sie für eine Beleggeburt, für die sie stets rufbereit sind. Rund 30 Euro brutto für einen einstündigen Hausbesuch. Die ein oder anderen Zuschläge (beispielsweise Anfahrtspauschalen) kommen zwar noch hinzu, aber selbst die endgültigen Beträge sind nur eins: Ein schlechter Witz bei all der Verantwortung, haben sie es zudem doch nicht mit Maschinen oder Papier, sondern mit Menschen als „Arbeitsmaterial“ zu tun. Menschen, die selten im Leben so sensibel sind wie in dieser Zeit.

Absurd wird das Ganze dann aber noch durch die Haftpflichtversicherung, die sie abschließen müssen: 6.842.76 Euro im Jahr kostet sie aktuell, ab 1. Juli 2017 sogar 7.638,94 Euro. Ihr könnt Euch selbst ausrechnen, wie viele Hausbesuche und Geburten man absolvieren muss, um das zu zahlen.

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Das Hebammenkontor ist die Antwort Judiths und ihrer Kolleginnen auf diese Situation. Auch sie übernehmen keine Beleggeburten mehr, sondern konzentrieren sich auf Kurse, Nach- und Vorsorge sowie teilweise auf ihre halben Stellen an der Klinik. So traurig ich es finde, dass Bremen vier so tolle Beleghebammen verloren gegangen sind, so gut kann ich sie auch verstehen und freue mich mit ihnen, dass sie jetzt etwas ganz eigenes, neues auf die Beine stellen. Daher waren der Lütte und ich natürlich auch bei der Eröffnung dabei, um mit ihnen zu feiern.

Und einen Ballon abzustauben.

Dieser Beitrag ist zunächst für das Magazin LOVEBREMEN entstanden. Da er mir aber sehr am Herzen liegt, teile ich ihn auch hier.

About Sandra

Ich schreibe hier über drei Dinge, die mich jeden Tag aufs Neue beschäftigen: meine Heimatstadt Bremen, meine berufliche Selbständigkeit und mein Alltag als Mutter eines Kleinkindes. Was mir am Herzen liegt: Euch anzustiften! Zu Unternehmungen an der Weser, zu Mut im Berufsleben und zu einem humorvoll-offenen Herzen für Eure Kinder. Allen Herausforderungen zum Trotz. Dass es nicht immer einfach ist, Familie und Job zu vereinbaren, darum geht es hier nämlich auch ab und zu.

One thought on “Vom Wochenbett, meiner Hebamme und dem ultimativen Tipp für alle Schwangere in Bremen

  1. Vielen lieben Dank fürs Teilen. Ich hoffe sehr, dass so noch ein paar mehr aufmerksame Augen und Ohren dazukommen und erfahren, wie schlecht es gerade leider um diesen wundervollen, sehr wichtigen aber auch gefährdeten Beruf bestellt ist.

    Liebste Grüße

    Lea, die auch nicht gewusst hätte, was sie ohne ihre Wochenbetthebamme gemacht hätte

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