Work is not a Kinderspiel #1. Oder auch: Interview mit Kerstin von sanvie

Die ersten zehn Arbeitswochen nach der Babypause, sie waren für mich wie ein berufliches Wochenbett. Was genau ich damit meine, habe ich Euch vor Kurzem ausführlich berichtet. In dieser Zeit habe ich mich häufig gefragt, wie andere Frauen, vor allem selbständige,  ihren Wiedereinstieg in den Job  erlebt haben und welche Tipps sie rückblickend an Neu-Mamas geben. Fertig war die Idee zu der Interview-Serie „Work is not a Kinderspiel.“

Heute erzählt Kerstin von sanvie und sanvie|mini, wie ihr Start zurück ins Arbeitsleben war. Kerstin ist in einer Agentur als Mediendesignerin tätig und arbeitet zudem selbstständig für ihren Blog, ihren Dawanda-Shop und eigene kleine Kunden.

Kerstin, Du hast inzwischen zwei Kinder. Wann hast Du jeweils wieder angefangen zu arbeiten?

Liebe Sandra, ich will ehrlich sein! Nach dem ersten Jahr Elternzeit mit Emil konnte ich es kaum erwarten wieder arbeiten zu dürfen. Obwohl ich schon da den Blog zum Ausgleich hatte, fand ich manche Tage zuhause ganz schön frustrierend. Mir fehlte oft am Ende des Tages das Gefühl etwas geschafft zu haben. Als wir dann ziemlich überraschend wieder die frohe Botschaft auf dem Teststreifen lasen, ist für mich eine Welt zusammen gebrochen und es war klar, auf keinen Fall bleibe ich wieder ein ganzes Jahr zuhause. Gott sei Dank gab es inzwischen das Elterngeld Plus und damit konnten wir die für uns beste Lösung wunderbar umsetzen.
Mein Mann hat das komplette erste Jahr von Paul nur 70% gearbeitet und war somit fast jeden Tag mittags zuhause. Ich war die ersten 4 Monate komplett zu Hause und habe dann 3 Tage nachmittags und von zuhause wieder für die Agentur gearbeitet. In dieser Zeit war mein Mann mit den beiden Jungs zusammen und wenn es dann doch mal eng wurde, war ich ja zum Glück nur eine Tür weiter und konnte so auch prima weiter stillen. Ich bin meinem Arbeitgeber total dankbar, dass das so wunderbar geklappt hat. Aber ich muss sagen, Kinder und Job ist manchmal wirklich hart! Und ich weiß nicht, ob ich es beim nächsten Mal (was nicht geplant ist) nicht wieder komplett anderes machen würde. Den Teil mit der Selbstständigkeit habe ich in dem ganzen Jahr eigentlich nie wirklich Ruhen lassen und das war schon manchmal etwas stressig.

Wie hast Du Dir den Joballtag anfangs vorgestellt und was davon hat so gar nicht geklappt?

Ich hatte ehrlich keine großen Erwartungen, schon in der ersten Schwangerschaft und mit der neuen Schwangerschaftsvertretung hatte man schnell das Gefühl nicht mehr „ Ernst genommen zu werden“ und so dachte ich, könnte es eventuell auch als Mama sein. Das war Gott sei Dank nicht der Fall. Aber trotzdem merke ich schnell, dass ich inzwischen andere Aufgaben lieber mag als Früher. Das Thema am Ende des Tages was geschafft zu haben, ist nach wie vor Thema. Und so freue ich mich nun tatsächlich, wenn ich Aufgaben habe, wo ich was abarbeiten kann. Denn in nur wenigen Stunden Arbeitszeit ist es schwierig sich tief in Designprojekte einzuarbeiten. Kaum hat man angefangen ist der halbe Tag auch schon wieder um und man muss die Kinder aus der Krippe abholen.

Wie hast Du darauf reagiert? Was hast Du verändert?

Man muss auf jeden Fall effizienter Arbeiten und ich bin immer wieder erstaunt wie gut das klappt und wieviel man in weniger Stunden Arbeit doch schafft.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag heute bei Dir aus?

Gott sei Dank arbeite ich immer noch im Homeoffice. Ich arbeite 2 Tage vormittags für meine eigenen Projekte und 3 Vormittage für die Agentur. Das klappt prima. Wenn die Jungs aus dem Haus sind, setze ich mich an den Schreibtisch und es geht los. Kurz Emails checken, Gedanken sortieren und loslegen. Bloß nicht ablenken lassen. Das ist das schwierigste am Homeoffice. Gerade an den Tagen, wo ich für mich arbeite, kann es passieren, dass ich doch mal nebenbei die Waschmaschine anstelle und dann mit einer anderen Aufgabe nicht fertig geworden bin. Das ganze macht sich mittags dann bemerkbar. Hat alles geklappt und ich bin gut voran gekommen, hole ich tiefenentspannt die Jungs ab, es gibt aber auch die anderen Tage, wo die Nachmittage in totalem Chaos enden und man innerlich nur darauf wartet abends weiter machen zu können, oft an den Tagen, wo ich vormittags für die Agentur gearbeitet habe, aber noch Deadlines für eigene Projekte habe. Auf diese Tage könnte ich manchmal gern verzichten, aber sie sind wohl das Leid der Selbstständigen – selbst und ständig.

Schaffst Du es, Deinem persönlichen Anspruch an Arbeitsergebnisse immer gerecht zu werden?

Ich denke schon, das Ergebnis entspricht nach wie vor meinen Ansprüchen, allerdings haben sich die Prioritäten verschoben.

Ein krankes Kind wirft den straffen Zeitplan als Selbständige meist vollkommen aus der Bahn. Wie gehst Du bzw. Deine Familie mit solchen Situationen um – Arbeitspensum reduzieren oder Nachtschichten einschiebe?

Nachtschichten wären bei mir unvorstellbar, ich kann abends einfach nicht mehr denken und gerade wenn die Kinder schon angeschlagen sind und die Nacht eventuell nicht besonders gut wird, gehe ich lieber früh mit ins Bett. Diesen Winter hatten wir echt Glück, die Krankheitstage hielten sich in Grenzen und waren meist am Wochenende richtig schlimm. Im ersten Krippen Jahr mit Emil war das anderes, gefühlt war er alle 3 Wochen krank und man musste entweder jemandem erklären, dass man nicht zur Arbeit kommen kann oder die Deadline nicht halten kann. Wobei wir das auch ziemlich gut aufgeteilt haben und oft mein Mann dann erst später zur Arbeit gefahren ist, nachdem ich meinen Job fertig hatte.

Gibt es Menschen, die Dir das Vereinbaren von Kind und Job erleichtern oder vielleicht sogar erst ermöglichen?

Ganz klar mein Mann! Wir sind da wirklich ein gutes Team und dank flexibler Arbeitgeber auch gut aufgestellt. Und natürlich die Erzieherinnen in der Krippe. Die Betreuung dort ist für mich Gold wert. Die Jungs fühlen sich wohl und haben ihren Spaß! Und in der Krippe sind die freien Tage auch nicht so wie beispielsweise im Kindergarten. Emil kommt im Sommer in den Kindergarten und ich war erstaunt wie viele Ferientage es nun schon gibt, das kann man als Arbeitnehmer gar nicht decken. Hatte gehofft, es fängt erst mit den Schulferien an.

Welche Vorteile bietet Dir Deine Selbständigkeit mit Blick auf das Familienleben?

Flexibilität, das ist super. Ich kann entscheiden, wann ich große Aufträge annehme oder tatsächlich auch mal ablehne. Durch den festen „Brotjob“ ist der größte Teil an Einkünften gesichert. Und wenn die Kinder mal wirklich länger krank sind, dann schließe ich einfach den dawanda-Shop oder schreibe keine Blogbeiträge, bei den beiden Punkten bin ich nämlich tatsächlich flexibel. Kundenaufträge arbeite ich natürlich trotzdem ab und versuche das dann mit meinem Mann irgendwie zu organisieren. Zudem ist der Teil Selbständigkeit, der kreativere Teil, ich liebe das was ich tue und es macht mir viel Spaß, da ist es mir egal, dass ich abends eher am Schreibtisch sitze als mit den Mädels im Café. Denn ganz klar: Job und Familie geht nur, wenn man Abstriche macht und die mache ich leider ganz klar im sozialen Bereich.

Dein ultimativer Tipp, wie der Wiedereinstieg in den Job gut klappt?

Einfach machen! Ich glaube, man darf sich nicht die ganze Zeit hinterfragen. Nicht drüber nachdenken, ob man noch genau das leistet was man vor den Kindern geleistet hat. Ob man noch gut genug ist. In der Regel arbeitet man von der Stundenzahl ja meist weniger mit Kindern und daher muss man gar nicht das leisten, was man vorher geleistet hat. Ich denke, wir Mamas zweifeln zu viel, auch in diesem Punkt. Also einfach loslegen, Spaß haben und vor allem auch mal Nein sagen, wenn man weiß, der neue Kunde würde einen nur wahnsinnig machen!

Dem kann ich rückblickend nur zustimmen. Danke für Deinen Erfahrungsbericht, Kerstin!

Ihr habt Lust, Teil dieser Serie zu werden? Dann meldet Euch gern bei mir.  Unter dem Hashtag #workisnotakinderspiel können zudem gern Gedanken und Bilder zu diesem Thema gesammelt werden.

Sandra

Sandra

Seit 2008 blogge ich nordisch-frisch über meine Heimatstadt Bremen und alle Regionen, in denen eine steife Brise weht und man lieber in Strandkörben als auf Designermöbeln Platz nimmt. Für Nordseeinseln schlägt mein Herz dabei besonders laut. Noch lauter allerdings für den Lütten, der seit Februar 2016 mein Leben auf wunderbare Weise auf den Kopf stellt.

One thought on “Work is not a Kinderspiel #1. Oder auch: Interview mit Kerstin von sanvie

  1. Eine interessante Beitragsserie hast du da am Start. Ich bin gespannt, was für Erfahrungsberichte noch so kommen. Mir steht der Wiedereinstieg noch bevor. Allerdings habe ich zwei Jahre Elternzeit geplant, das dauert also noch etwas… 😉

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