Work is not a Kinderspiel #6. Oder auch: Interview mit Rike Drust von „Muttergefühle“

Es gibt zwei Dinge, die helfen in den ersten Monaten als Mutter enorm: Stillhormone und das Buch „Muttergefühle. Gesamtausgabe“ von Rike Drust. Während die Hormone irgendwann verschwinden, bleibt das Buch allerdings als treuer Begleiter in der übermüdeten Not. Ich habe es im ersten Jahr mit dem Lütten  – nachdem ich es in der Schwangerschaft  vom Mann geschenkt bekommen und komplett gelesen hatte –  einige Male wieder hervorgekramt, um noch einmal in den Kapiteln zu lesen, die sich genau um das drehten, was mich gerade um den Verstand zu bringen schien. Und jedes Mal fühlte ich mich hinterher besser. Inzwischen stecke ich das Buch daher in jedes Geschenkpaket, das Neu-Mamas im Freundeskreis von mir bekommen. Literarischer Lebensretter!

Daher freue ich mich über zweierlei. Erstens: Rike hat jetzt die Fortsetzung ihres Buches herausgebracht. Zweites Kind, zweites Buch. Ich habe gestern die erste Hälfte durchgeschmökert und kann Euch sagen: Man braucht kein zweites Kind, um sich mal wieder prächtig zu amüsieren und wissend zu nicken. Zweitens freue ich mich, dass Rike mir in meiner Interviewreihe „Work is not a Kinderspiel“ Rede und Antwort darüber stand, wie ihr freiberufliches Arbeiten und ihr Alltag mit Mann, Sohn (8) und Tochter (3) in Hamburg läuft. Spoiler: Wer zuende liest, ist nicht nur um wertvolle Gedanken und Ratschläge reicher, sondern wird eventuell noch zusätzlich belohnt…

INTERVIEW MIT RIKE ZU SELBSTÄNDIGKEIT UND VEREINBARKEIT

Rike, in Deinem ersten Buch kann man ausführlich davon lesen, aber vielleicht kannst Du es an dieser Stelle knapp zusammenfassen: Wie fühlte sich der Weg zurück zum Arbeits-Ich nach der ersten Schwangerschaft an?

Ganz ehrlich: zuallererst fand ich toll, dass ich überhaupt irgendwas allein machen konnte. Und dann habe ich mich zum Glück auch über meinen Job gefreut. Ich fühle mich tatsächlich sehr beschenkt, weil ich meinen Job so mag.

Klappt das Arbeiten als Freelancer in ganz konkreter Hinsicht so, wie Du es geplant hattest? Hattest Du überhaupt einen Plan? Wenn ja, wo knallten Theorie und Praxis unvereinbar gegeneinander?

Inzwischen klappt das super. Ich habe ausreichend Aufträge, um meinen festen Beitrag zum Familieneinkommen zu leisten und kann so gut wie alle Jobs von Zuhause erledigen. Das war aber nicht immer so. Als ich nach dem Großen wieder anfing, gingen viele Anfragentelefonate so:

„Hallo Rike, wir haben einen Job für dich.“
„Super, ich kann immer, außer von 15 bis 20 Uhr.“
„Äh, …, ok, wir melden uns.“
(Spoiler: Haben sie nicht)
Inzwischen sind die meisten AuftraggeberInnen aber sehr viel entspannter, in Notfällen bringe ich sogar meine Kinder mit zum Briefing. Außerdem arbeite ich meistens von Zuhause, um zu vermeiden, dass der Mann und ich uns darüber streiten, wer den wichtigeren Job hat und wer Zuhause bleibt. Wenn während eines Jobs ein Kind krank wird, dann bin ich ja sowieso Zuhause und der Mann kommt früher oder zwischendurch nach Hause, damit wir beide unsere Arbeit machen können.

Und was hast Du in dieser Situation gemacht? Schokolade gegessen, Arbeitsroutinen verändert oder die klassische Rollenverteilung verteufelt?

Der Mann und ich haben immer ziemlich viel diskutiert (und tun das auch immer noch). Weil ich nicht eingesehen habe, automatischer verantwortlich für die Kinder und alles, was dazugehört, zu sein. Diese Diskussionen nerven, waren aber sehr hilfreich. Sind wir nach dem ersten Kind in die sehr klassische „Der Mann arbeitet Voll- und die Frau Teilzeit“-Verteilung gerutscht, teilen wir uns inzwischen sowohl die Nachmittage, die Kinderkrankzeiten, die Schulferientage, die Geburtstagsvorbereitungen, Schuhkauf, Elternengagements und alles andere auch. Und ganz ehrlich, dass wir hingekriegt haben, unser Leben als Familie (meistens) so hinzukriegen, dass sich alle gesehen und respektiert und verwirklicht fühlen, ist für mich die größte Errungenschaft in unserer Ehe.

Hast Du den Eindruck, dass die Erfahrungen der ersten Rückkehr in den Beruf beim zweiten Mal hilfreich waren? Oder ist die Situation mit zwei Kindern wieder eine ganz neue, der man sich dann stellen muss?

Ich habe eventuell genauer gewusst, was ich nicht will, weil ich mit dem Großen ja einiges ausprobiert habe. Telefonkonferenzen auf Englisch mit einem Zweijährigen am Bein zum Beispiel, waren eine höchstens halbgute Idee. Aber was machste, wenn ein Job reinkommt, der voll super und lukrativ ist, aber die Kleine noch Zuhause betreut wird? Richtig, annehmen und es irgendwie hinkriegen.

Die ToDo-Liste quillt über, Deadlines stehen vor der Tür, Du bist erkältet, die Kita ist aufgrund von Läusen plötzlich geschlossen und der Mann muss auf Dienstreise. Was passiert dann im Hause Drust? Und was im Gefühlsleben der Rike?

Erstmal die Krise kriegen, dann je nach Müdigkeitsfaktor pöbeln oder lachen, dass das echt immer passiert und schließlich überlegen, wie wir das hinkriegen. Erstmal würde ich versuchen, meine Deadlines zu verschieben. Parallel würde der Mann versuchen, seine Dienstreise abzukürzen. Und ich würde die Kinder mit anderen läusefreien Kitakindern zusammentun und mir die Betreuung mit den anderen Eltern teilen. Wahrscheinlich ist, dass höchstens die Hälfte davon klappt.

Gelingt es Dir, Deinem persönlichen Anspruch an Arbeitsergebnisse gerecht zu werden?

Meistens ja. Wenn ich vielleicht mal nicht 100% gebe, dann liegt das vielleicht an den Kindern, aber ich glaube, ich habe vor meiner Zeit als Mutter auch schon mal weniger als 100% gegeben, da lag das dann eben an was anderem, zum Beispiel, dass ich direkt aus dem Club in die Agentur gewackelt bin.

Gibt es Menschen, die Dir das Vereinbaren von Kindern und Job erleichtern oder vielleicht sogar erst ermöglichen?

Mein Mann. Wir teilen uns tatsächlich so gut wie alles und das macht es mir sehr viel leichter. Dann sind da noch die anderen Eltern aus Kita und Schule. Wir können ziemlich auf uns zählen, wenn wir länger arbeiten müssen oder krank sind oder der Babysitter abgesagt hat. Und unsere Nachbarn. Eine meiner besten Freundinnen wohnt gegenüber und unsere Kinder sind befreundet, so dass wir bei viel Arbeit einfach alle Kinder dort zusammenschmeissen, wo gerade weniger ist. Aber nicht nur bei Arbeit: Denn diese tolle Freundin merkt auch, wenn ich einfach so mal eine Pause brauche, nimmt sich alle Kinder und schickt mich alleine weg, damit ich mal einen Kaffee trinken kann. <3

Und was ist mit der Digitalisierung: Ist sie Fluch oder Segen für selbständige Eltern?

Sie erfordert auf jeden Fall ein hohes Maß an Selbstdisziplin, das ich nicht immer habe. Gerade, wenn ich etwas geschrieben habe, das in den sozialen Medien geteilt und diskutiert wird, gucke ich viel, viel zu oft, was ich gern häufiger lassen würde. Auch, weil mich viele dieser Kommentare frustrieren, aber das ist eine andere Geschichte. Ansonsten finde ich es eher gut, überall erreichbar zu sein, habe aber alle Push-Benachrichtigungen abgestellt und gucke nur, wenn es passt (oder ich gerade nicht selbstdiszipliniert genug bin).

Oft ist es so, dass man sich als Paar bei der Kinderbetreuung die Klinke in die Hand gibt: Kommt eine/r nach Hause und übernimmt das Kind, fängt die/ der andere an, im Homeoffice zu arbeiten, Kunden zu treffen oder in Deinem Fall zu Lesungen zu reisen. Wie kann man da eigentlich noch Zeit für die Paarbeziehung aufbringen?

Für Tipps wäre ich sehr dankbar! Unsere SMS bestehen nur aus Hinweisen zu Abholzeiten, Einkaufszetteln und Nachrichten, dass es später wird. Abends sind wir meistens platt und schaffen vielleicht noch das Glas Wein, aber das anspruchsvolle Gespräch fällt leider wegen akuter Müdigkeit aus. Der Mann und ich sind aber fest verabredet, so in circa 5 Jahren wieder ein Paar zu sein.

Dein ultimativer Tipp an Selbständige, wie der Wiedereinstieg in den Job gut klappt?

Bitte denkt nicht, dass ihr in der Elternzeit etwas versäumt oder verpasst habt. Ihr habt nämlich eine Menge gelernt – über Euch und Zeit und Lösungswege. Und seid nicht frustriert, wenn ihr im ersten Kitajahr der Kinder so oft mit ihnen krank Zuhause bleiben müsst: das ist ganz normal, und wer darüber Augen rollt, schämt sich spätestens dafür, wenn er oder sie selber Kinder hat. TSCHAKKA!

Tschakka!


Verlosung

Ihr schleicht bereits um „Muttergefühle Zwei“ rum? Wollt Euch bei öddeligem Herbststurm vorm fingerfarbenbemalten Fenster auf der joghurtbekleckerten Couch mal wieder ordentlich festlesen und verstanden fühlen? Ihr habt gar keine Kinder, aber ehrliches Interesse daran, wie es einer zweifachen Mutter mit Herz für den FC St. Pauli in der heutigen Zeit geht? Dann könnt Ihr eines von zwei Büchern gewinnen.

Ich verlose die beiden Exemplare unter allen von Euch, die im Kommentarfeld davon berichten, welches Muttergefühl (außer grenzenloser abgöttischer Liebe zum Kind) ihr häufigster Begleiter ist bzw. (für alle Männer und Kinderlosen) welches Lebensmotto sie schon immer mal gestickt in der Wohnung hängen haben wollten. „Häh? Gestickt? Wieso?“ Weil: Watt se Facko. Siehe Facebook-Seite. Das Gewinnspiel läuft bis Sonntag, 24. September, 23.59. Da wissen wir dann auch, wer bei der Bundestagswahl auf Platz 3 gelandet ist. Gehört Ihr nicht zu den glücklichen Gewinnern, so ist der Kauf des Buches dringend angeraten. Das Lesen ihres Blogs auch!

Das Kleingedruckte: Mitmachen können volljährige Personen, die bis einschließlich 24. September einen Kommentar hinterlassen. Wer gewinnt, wird von mir per Mail benachrichtigt. Erhalte ich binnen 7 Tagen keine Antwort, geht die Glücksfee ein zweites Mal an ihr Werk und zieht einen neuen Gewinner. Eine Barauszahlung des Gewinns ist nicht möglich, der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Der Versand an den Gewinner erfolgt vom Verlag, der mir ein Rezensionsexemplar und zwei Exemplare zur Verlosung zur Verfügung stellte.

Sandra

Sandra

Seit 2008 blogge ich nordisch-frisch über meine Heimatstadt Bremen und alle Regionen, in denen eine steife Brise weht und man lieber in Strandkörben als auf Designermöbeln Platz nimmt. Für Nordseeinseln schlägt mein Herz dabei besonders laut. Noch lauter allerdings für den Lütten, der seit Februar 2016 mein Leben auf wunderbare Weise auf den Kopf stellt.

11 thoughts on “Work is not a Kinderspiel #6. Oder auch: Interview mit Rike Drust von „Muttergefühle“

  1. Guten Morgen. Auch wenn das Zweite schon über 10 Monate alt ist, würde ich mich über das Buch natürlich sehr freuen. Die Liebe die immer vorhanden ist wird begleitet von so vielen Gefühlen, bekannten Gefühlen. Mit Kindern sind die aber wesentlich stärker, wie Sorge, Angst, aber natürlich auch Freunde und das Glücksgefühl zwei gesunde Kinder zu haben.
    Liebste Grüsse Lina

  2. Ich mag die Interview-Reihe und die Bücher klingen sehr interessant. Wandern direkt mal auf meine Lese-Wunschliste (wenn denn mal etwas Zeit ist)…

    Ein Muttergefühl, das mich ständig begleitet, sind leider die lieben Sorgen. Isst er genug? Schläft er genug? Ist er warm genug angezogen? Tut ihm irgendwas weh? Und so weiter…
    Ich fürchte, das hört irgendwie nie auf. Aber ich hoffe, ich kann da irgendwann besser mit um und mache mich nicht mehr immer so verrückt. 😉

  3. „Long days – short years“ als Motto-Stickbild. Das schlechte Gewissen ist auch (fast) immer dabei. Aber ansonsten Liebe, Liebe, Liebe und zu wenig Schlaf als permanente Begleiter…

    Einen schönen Sonntag!

  4. Ich habe das erste Buch während meiner ersten Zeit daheim mit meiner Kleinen gelesen und es hat mir oft geholfen, nicht an mir zu zweifeln. Ein Muttergefühl, das mich begleitet ist neben der Liebe noch der STOLZ auf diesen kleinen Wurm, wenn sie sich das erste Mal dreht, wenn sie einen neuen Laut hervorbringt und wenn sie bei allen, die sie anschauen, ein dickes Grinsen hervorzaubert. Dann denke ich „jawohl, das ist meine Tochter“. 🙂

  5. Mein häufigstes Muttergefühl ist: „wie schön, dass du immer da bist. Mit deiner Neugier und deiner Zuneigung.“

  6. Ich habe zwei Jungs und mein häufigstes Gefühl ist Müdigkeit! Natürlich begleitet mich auch eine grenzenlose Dankbarkeit, dass diese zwei kleinen Menschen bei uns sind…Über das Buch würden wir uns sehr freuen! Liebe Grüße

  7. Als Alleinerziehende, die mit 3,5 Jährigem Kind seit drei Jahren alleine ein Staatsexamen, ein Referendariat und nun die Verbeamtung geschafft hat, begleitet mich ganz oft das Gefühl erdrückt zu werden von der Fremdbestimmung. Ohne Reue, ohne schlechtes Gewissen, aber manchmal mit echt wenig Luft zum Atmen.

  8. Mein häufigstes Gefühl ist „Stolz“ auf der einen Seite und das „Genervtsein über die ewige Fremdbestimmung/nichts kann man mal in Ruhe ALLEINE machen“ auf der anderen Seite. 😛

  9. Häufig habe ich das Gefühl „xyz müsste man unbedingt mal mit den Kindern machen“ und gleichzeitig weiß ich wie voll unser Alltag ist und dass wir dann am Wochenende doch lieber nichts besonderes machen, damit wir uns erholen können. Also ist das schlechte Gewissen tatsächlich auch ein mich stetig begleitendes Gefühl und dann denke ich immer, wie wäre es wohl, wenn ich nur ein paar Tage im Monat arbeiten müsste, oder immer nur wenige Stunden? Würde ich dann mehr basteln, unternehmen, anregende Angebote machen? Das „hätte, wenn und aber“-Gefühl ist also auch dabei…

  10. Das stetig begleitende Gefühl ist häufig ganz klar die Sehnsucht!
    Gefühlstechnische Nebenschauplätze sind aber auch das schlechte Gewissen, jetzt gerade nicht bei ihm zu sein und auf der anderen Seite der Stolz, wie gut er mit seinem einen Jahr schon in dieser großen weiten Welt klar kommt.

  11. das gefühl wenn das kind gerade nicht da ist, es dann wiederkommt und wie es sich dann als gefühl á la „erst jetzt fühlt es sich wieder richtig komplett an“ einschleicht. das erste buch habe ich verschlungen, bin schon so gespannt auf das zweite und juhu, wie schön wäre es dies hier bei dir zu gewinnen – liebste grüße, julia

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