Work is not a Kinderspiel #7. Oder auch: Interview mit Kristina Schreitel

Für mich hat sich eines im vergangenen Jahr als unglaublich wohltuend herausgestellt: der ehrliche Austausch mit anderen berufstätigen Müttern. Analog und digital. In meiner Interviewreihe „Work is not a Kinderspiel“ lasse ich daher regelmäßig (selbständig) arbeitende Frauen zum Thema Vereinbarkeit zu Wort kommen – weil ich fest davon überzeugt  bin, dass das öffentliche Sprechen über kräftezehrende Herausforderungen der Elternschaft und über den Umgang mit ihnen enorm wichtig ist, damit Familien gesund bleiben.

Meine heutige Interviewpartnerin weiß  allzu gut, dass der Spagat zwischen Beruf, Familie und eigenen Bedürfnissen heute immer häufiger krank macht: Kristina bietet Retreats und Kurse zu den Themen Burnout und Stressbewältigung an –  speziell für Mütter. Sie ist wie ich der Meinung, dass die Belastungen, die (arbeitende) Mütter heutzutage wuppen, kein Tabu mehr sein dürfen.  Wovon da genau die Rede ist, weiß sie aus eigener Erfahrung: Kristina ist Mutter von gleich drei Kinder. Ihr merkt – diese Frau ist die perfekte Gesprächspartnerin zu Vereinbarkeit, deren Problemen und Lösungen. Aber lest einfach selbst.

Kristina Schreitel über ihren Alltag als workingmum

Kristina, wenn Du an all die Mamas denkst, mit denen Du schon gearbeitet hast: Welches ist die – gedanklich oder organisatorisch – fatalste Falle, in die Frauen häufig tappen und durch die sie dann mehr und mehr an Energie verlieren?

Ich denke, viele Mütter nehmen sich gerade in den erste Monaten zu wenig Auszeiten. Sie haben das Gefühl, nur sie kennen das Kind gut genug ,um „perfekt“ für es sorgen zu können. Genau das ist der fatale Punkt – perfekt ist nicht immer nötig, gut tut es auch! Und das schaffen locker auch Papa, Oma, Opa, Tante oder Babysitter. Wenn man nicht ab und an ein bisschen Abstand zum Nachwuchs hat, dann fühlt es sich schnell so an, als wäre das Leben eine einzige To-Do-Liste, die nicht zu bewältigen ist. Das führt zu Druck, Stress, Frustration, dem Gefühl nicht gut genug zu sein…

Nach einem Vormittag alleine sieht alles schon viel entspannter, leichter und rosiger aus. Es ist also eine gedankliche Falle, die dann zu einer sehr praktischen wird. Mein Tipp, Auszeiten in denen man nur tut, was einem wirklich Freude macht! Bloß nicht denken: Ah jetzt hab ich kurz Zeit, da räume ich mal auf!

Du selbst hast drei Kinder. Bist Du auch in diese Falle getappt? Oder in andere?

Absolut und es passiert mir trotz besseren Wissens immer mal wieder! In meinem Fall nicht, weil ich mich für unabkömmlich halte, ich bin relativ gut im Kinder „abgeben“, aber ich halte nervige Pflichten oft für zu wichtig und stelle sie über meine Freizeit.

Dein beruflicher Weg hat vor 3 Jahren eine überraschende Wendung genommen: Bevor Du Yogalehrerin wurdest, hast Du in der Film- und Modebranche gearbeitet. In welcher dieser beiden vollkommen unterschiedlichen Lebensabschnitte sind Deine Kinder geboren?

Ich bin gelernte Modistin (Modisten machen Hüte in reiner Handarbeit) und in dieser Phase kamen auch meine Kinder zu Welt.

Hast Du heute einen klassischen Arbeitstag? Wenn ja: Wie sieht der aus?

Nein, habe ich so nicht. Ich denke immer mal wieder, es wäre besser, wenn ich etwas strukturierter wäre, aber umsetzen konnte ich das (noch) nicht. Ich schreibe mir abends eine Liste der Dinge, die ich am nächsten Tag erledigen möchte und sobald die Kinder aus dem Haus sind, fange ich damit an, diese abzuarbeiten. Das sieht jeden Tag unterschiedlich aus.

Manchmal muss ich los um Termine wahrzunehmen, manchmal sitze ich ein paar Stunden am Computer oder aber ich erarbeite eine neue Yogasequenz auf meiner Matte. Das mit der klareren Struktur kommt immer mal wieder auf, wenn mir das Chaos der Vereinbarkeit über den Kopf zu wachsen scheint, aber ehrlich gesagt war ich wohl noch nie so der total strukturierte Typ. Eher so der „Wo-brennt-es-am-meisten?“-Typ…

Du bietest weltweit Yoga-Retreats an und musst daher regelmäßig ohne Deine Kinder reisen. Wie werden die drei in dieser Zeit betreut?

Da haben die drei eine Papa-Woche und wenn der auch arbeiten muss (er ist freiberuflicher Kameramann) dann kommt seine Mutter und übernimmt. Das klappt bisher sehr gut!

Wie fühlt sich das für Dich an?

Das erste Mal alleine weg war ich ,als mein ältestes Kind so ca. 1,5 Jahre alt war. Es waren nur 3 Tage, aber es war phasenweise der Horror. Nicht weil ich Angst hatte, dass was schief gehen könnte, sondern weil ich mich nach so langem Dauer-Aufeinanderkleben mit meinen Sohn ohne ihn sehr alleine gefühlt habe. Beim nächstem Mal hatte ich mehr Übung und mein Bedürfnis nach Ruhe war so viel größer, dass ich die Zeit alleine dann sehr genossen habe.

Der nächste große Schritt war dann, als die Kinder im Alter von 7, 5 und 3 das erste Mal mit den Großeltern alleine bei uns zuhause waren. Da hatte ich dann doch Angst, dass was nicht ganz rund läuft und ich zu weit weg bin, um etwas zu tun. Ich hab mich dann dafür entschieden, nicht alles ganz so genau wissen zu wollen, zu akzeptieren, dass andere Menschen Dinge anders machen, und darauf zu vertrauen, dass schon alles gut laufen wird. Das ist es dann auch. Seitdem machen wir das öfter und es klappt wirklich sehr gut!

Seit Neustem bietest Du auch Stressbewältigungs-Retreats für Mütter an. Wie kam es dazu?

Mütter stehen unter enormen Belastungen und enormen Druck, trotzdem findet ihr immerwährender Einsatz nur wenig Wertschätzung, und viele Mütter trauen sich auch nicht zuzugeben, wie anstrengend ihr Job oft ist und müssen deshalb dann ganz alleine damit klar kommen. Das ist ein Missstand, den man, wie ich finde, ändern muss. Ich verstehe jede Frau, die sich unter heutigen Bedingungen entscheidet, keine Kinder zu bekommen. Einige Aspekte in unserer Gesellschaft machen das Mutter-sein zu einer ziemlich schwierigen Aufgabe. Einige Rahmenbedingung sind aber gleichzeitig besser als je zuvor.

Wenn man ein paar Stellschrauben dreht, mehr Acht auf sich selber gibt, die eigenen Bedürfnisse nicht zu weit hinten anstellt, Hilfe annimmt, weiß wie man mit Stress richtig umgeht usw. usw. kann man die Schwierigkeiten, mit denen Mütter sich oft konfrontiert sehen, soweit eindämmen, dass das Schöne überwiegt. Ich finde es so schade, wie ausgelaugt Mütter sich oft fühlen. Dem wollte ich etwas entgegen setzen.

Eine Woche dem Familienalltag zu entfliehen tut sicher gut, aber die Kunst ist es ja, langfristig etwas zu verändern, um nicht immer ans Kraftlimit zu kommen. Welches Handwerkszeug gibst Du den Retreat-Teilnehmerinnen dafür an die Hand?

Sie erleben, dass man durch kleine Pausen sehr viel Erholung in den Alltag einbauen kann. Es klingt kitschig, aber es gibt wirklich kein Problem, dass so schwierig ist, dass es sich nach ein bisschen meditieren nicht leichter anfühlt. Ich sage nicht, dass es danach weg ist, aber man kann es „dämpfen“

Ähnliches kann man durch Yoga und Austausch, reden, sich verstanden fühlen erzeugen.
Meine Kurse sind so aufgebaut, dass man das Erlernte auch zuhause noch nutzen kann. Die Yogaklassen bleiben, abgesehen von leichten Variationen, die ganze Woche die gleichen und man nimmt sie sozusagen mit nach Hause.

Auch die Methoden der Achtsamkeit kann man in jeder x-beliebigen Situation anwenden. Es kann total entspannend sein, eine stupide Haushaltstätigkeit durchzuführen, wenn man dies achtsam tut. Als ich angefangen habe, mich mit diesen Themen zu beschäftigen, habe ich einen wunderbaren Online-Achtsamkeitskurs gemacht. Danach bin ich vom Computer aufgestanden, habe einen Salat gemacht und Tomaten schneiden war noch nie schöner als in diesem Moment. Tomaten schneiden braucht eigentlich keine Aufmerksamkeit, deswegen driften wir oft weg und wälzen währenddessen andere Probleme. Klar fühlt man sich am Ende des Tages total erschöpft, bei dem ganzen Lärm in uns drinnen…

„Ich habe einfach zu wenig Zeit!“ – ein Satz, mit dem nicht nur ich erkläre, dass ich ständig erschöpft bin und es nicht schaffe, aufzutanken. Wie denkst Du über diese Begründung?

Ja, kenn ich auch! Es gibt diese schöne Zen-Weisheit: „Meditiere 20 Minuten täglich, es sei denn du hast keine Zeit, dann meditiere eine Stunde.“Stimmt! Desto öfter wir sagen, wir haben keine Zeit, desto nötiger haben wir diese eigentlich. Und wenn wir ehrlich sind, wissen wir alle – es ist nur eine Frage, wie wir unsere Prioritäten setzen.

In meinem Haus wird z.B. nichts gebügelt und meine Kinder haben fast immer Socken an die nicht zueinander passen (und in ganz fordernden Zeiten gilt das auch für mich). – Ist es wirklich so wichtig ordentlich gebügelte T-Shirts und „passende“ Socken zu tragen, wenn man dafür abgespannt und gereizt durch’s Leben läuft? Den Preis finde ich zu hoch.

Kinder werden später sicher nicht sagen: Unsere Mutter war ständig auf Anschlag, aber es war so schön, jeden Morgen eine gebügelte Unterhose aus dem Schrank zu nehmen. Denen ist das doch egal und mir deshalb auch. Es ist wichtig rauszufinden, was für einen selber die wesentlichen Dinge sind, sich dafür Zeit zu nehmen und den Rest zu ignorieren.
Mir ist es wichtig, dass die Kinder nicht zu viel Quatsch essen, genug frische Luft kriegen und freundlich mit ihren Mitmenschen sind – ansonsten bin ich aus klassischer Sicht wohl in vielen Belangen eher eine „unzureichende“ Mutter. Nur das Protokoll vom Elternabend zu lesen anstatt tatsächlich anwesend zu sein und den Kuchen zu kaufen reicht, finde ich, oft auch…

Kannst Du den Müttern unter meinen Lesern abschließend drei einfach zu verwirklichende Tipps für ihren Alltag geben, mit denen sie langfristig Stress abbauen und Kraft sammeln können?

Sehr gerne! Wir haben hier gerade Ferien und daher rührt mein erster Tipp! Zum eigenen Wohle klare Grenzen setzen. Bei uns ist es strengstens verboten mich in den Ferien vor 8 Uhr zu wecken, außer wie die Kinder sagen „einer blutet oder es brennt!“ Ich finde Kinder müssen lernen, dass nicht nur sie Bedürfnisse haben, Eltern haben auch welche und halbwegs ausgeschlafen zu sein macht so viel entspannter.

Zweiter Tipp, wenn keine Ferien sind so aufstehen, dass man vor den Kindern und den Pflichten wach ist – also genau umgekehrte Taktik. Sich kurz sammeln, in Ruhe und bewusst in den Tag starten und nicht gleich etwas tun. Diese Stille im Haus morgens ist einfach herrlich und wenn man ein Momentchen hat, um im Tag anzukommen und kurz nur für sich zu sein, läuft danach alles ein bisschen leichter, geordneter und mit weniger Stress.

Und zu guter Letzt – ich wiederhole mich da – 20 Minuten am Tag ganz ruhig, mit leerem Kopf sitzen bzw. meditieren. Es hilft wirklich so sehr bei allem!

Mehr über Kristina und ihre Arbeit erfahrt Ihr auf ihrer Website. Bei Facebook und Instagram ist sie auch vertreten. Falls ihr im Frühsommer noch eine Auszeit sucht, könnte das hier etwas für Euch sein: Vom 8. bis 15. Juni können gestresste Mamas in Frankreich bei einem Stressbewältigungs-Retreat Abstand vom Alltag nehmen und lernen, wie sie mit den täglichen Anforderungen entspannter umgehen können.

Ihr habt Interviews aus der Work is not a Kinderspiel-Reihe verpasst? Dann schaut einmal in die Übersicht und lest kluge Gedanken von Frauen wie Ninia LaGrande oder  Rike Drust.

Sandra

Sandra

Seit 2008 blogge ich nordisch-frisch über meine Heimatstadt Bremen und alle Regionen, in denen eine steife Brise weht und man lieber in Strandkörben als auf Designermöbeln Platz nimmt. Für Nordseeinseln schlägt mein Herz dabei besonders laut. Noch lauter allerdings für den Lütten, der seit Februar 2016 mein Leben auf wunderbare Weise auf den Kopf stellt.

2 thoughts on “Work is not a Kinderspiel #7. Oder auch: Interview mit Kristina Schreitel

  1. Hallo Sandra, Hallo Kristina,
    danke für dieses tolle Interview, ich mag die Reihe einfach immer noch sehr gerne.
    Liebe Grüße
    Nadine

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