Blutende Ohren

Früher war ich eine totale Quasselstrippe. Das zeigte sich in der Grundschulzeit exemplarisch an den Bemerkungen im Zeugnis („Wortkonfetti schwatzt häufig mit ihren Sitznachbarn“), in der Pubertät an der Telefonrechnung meiner Eltern. Und nicht umsonst arbeite ich jetzt im Kommunikationsbereich.

Doch im Vergleich zu damals bin ich inzwischen verstummt. Frei nach dem Motto „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten“ und aufgrund dem berufsbedingten Bedürfnis nach privater Stille sind die Redepausen inzwischen häufiger und länger zu beobachten. Das alles ging mir heute durch den Kopf, während ich Herrn D. gegenüber saß. Einem Anzeigenberater, der es geschafft hat, dass ich ihm in der ganzen halben Stunde nicht ein Lächeln geschenkt habe. Was ungewöhnlich ist. Sehr ungewöhnlich.

Herr D. ist durch und durch Vertriebler. Die Art Vertriebler, deren Small Talk fast schon tirrilierender Gesang ist vor lauter Anstrengung, für ein gutes Verkaufskarma zu sorgen. Die Art Vertriebler, der beim Einschenken verbal auf die Knie fällt: „Das ist lieb von Ihnen, echt lieb. Danke. Mensch, wirklich nett. Super. Nochmal danke.“ Ich frage mich dann, wie lange diesem Mann keiner mehr eingeschenkt wurde – und damit meine ich nicht nur Kaffee. Er ist die Art Vertriebler, der am 18. Januar noch fragt, ob man denn „gut reingekommen“ wäre. Reingekommen, wo hinein jetzt genau? Aaaach soooo, ins neue Jahr. Ja, ganz tolles Gesprächsthema. *gähn* Die Art Vertriebler, der redet, redet, redet, redet, redet und nicht aufhört zu reden. Und das schnell und überschwänglich. Und mir sogar ins Wort fällt, wenn ich rede. Unerhört!

Die Begegnung mit Herr D. heute wirklich nicht von dieser Welt. Wie unsensibel muss man sein, wenn man mit dem Geplapper nicht aufhört, obwohl der Gegenüber deutlicher als deutlich signalisiert, dass er so rein gar nichts dafür übrig hat? Ich bin nicht mal aus Höflichkeit auf das Gerede eingegangen. Nullkommanull! Interessiert Herrn D. nicht.

Plapper, plapper, plapper.

Laberlaberrhababer.

Blutende Ohren!

About Sandra

Ich schreibe hier über drei Dinge, die mich jeden Tag aufs Neue beschäftigen: meine Heimatstadt Bremen, meine berufliche Selbständigkeit und mein Alltag als Mutter eines Kleinkindes. Was mir am Herzen liegt: Euch anzustiften! Zu Unternehmungen an der Weser, zu Mut im Berufsleben und zu einem humorvoll-offenen Herzen für Eure Kinder. Allen Herausforderungen zum Trotz. Dass es nicht immer einfach ist, Familie und Job zu vereinbaren, darum geht es hier nämlich auch ab und zu.

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