Ein "Ich liebe Dich" verhandelt man nicht

Die Blüten unter der Heizung sind welk und inzwischen vertrocknet. Auf der Fensterbank liegen noch frische zarte Köpfe, die sich allerdings auch nicht mehr am Stiel der Orchidee halten konnten. Als Du mir die Blume vor einigen Wochen vom Einkaufen mitbrachtest, stand sie in voller Pracht. Mein Herz schoss über vor Freunde über die Pflanze, die niemand anderes als Du, mein liebster Mensch, mir geschenkt hatte. Immer wenn ich sie anschaute, zuckte das warme innige Gefühl in mir, dass Du mich vielleicht wirklich lieben könntest. Fünf Blüten zähle ich nun noch an den Stängeln. Die Köpfe sind bereits nach unten geneigt, die Blätter kraftlos, aber sie wollen noch nicht loslassen.

Eine Woche ist es nun her, dass ich Dich verlassen habe. Eine Woche habe ich Dich nicht mehr gespürt, Dich nicht mehr gerochen, Deine Augen nicht mehr gesehen. Seit einer Woche hänge ich mit dem kraftlosen Kopf nach unten und kann nicht loslassen. Und nun dies: Wir sind zu Verhandlungspartnern geworden. Wie zwei Nachbarstaaten, die auf einem Kongress über eine Grenzziehung beraten, verhandeln wir über die Liebe. Mit kühler Sachlichkeit und diplomatischer Beharrlichkeit schreiben wir über unsere Wünsche, unsere Ängste und unser Zusammensein. Als würden wir über einzelne Paragraphen eines Vertragswerkes streiten, auf dem das Wort „Beziehung“ steht. Es fühlt sich vernünftig an, aber zugleich so blutleer. So gefühlskalt. So weit weg von den großen Gefühlen, die mich mit Dir verbinden. Sie sind zu Fußnoten geworden, zu Randnotizen.

Ich kann nicht fassen, dass wir das sind. Wo ist sie hin, die kopflose Sehnsucht, der liebevolle Blick, der heitere Wille? Was hat unser Vertrauen nur so kaputt gemacht? „müssen“ statt „wollen“. Wenn, dann. Es wird gefeilscht und beharrt. Du bist ein harter Verhandlungspartner, denn Du rückst keinen Millimeter von Deinem Standpunkt ab. Ich kämpfe um eine Verständigung, aber es sind doch nur Erklärungen. Keine Kompromisse.

Tag für Tag, wenn ich nach Hause komme, sehe ich, dass die Orchidee in der Zwischenzeit ein Stück mehr gestorben ist. Und auch jetzt schwingt ein Blütenkopf bedrohlich über der Heizungsluft.

Sandra

Sandra

Seit 2008 blogge ich nordisch-frisch über meine Heimatstadt Bremen und alle Regionen, in denen eine steife Brise weht und man lieber in Strandkörben als auf Designermöbeln Platz nimmt. Für Nordseeinseln schlägt mein Herz dabei besonders laut. Noch lauter allerdings für den Lütten, der seit Februar 2016 mein Leben auf wunderbare Weise auf den Kopf stellt.

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