Münzfernsprecher

Ich lehne mein Fahrrad gegen die halboffene Tür der Telefonzelle und hole den Paketabholschein aus meiner Tasche. Während ich den Strichcode scannen und meine Postsendung aus dem Automaten fallen lasse, überlege ich. Wie häufig sind mir in letzter Zeit überhaupt noch Telefonzellen begegnet? Gab es sie überhaupt noch, die geschlossenen gelben? Die offenen Telefonsäulen der Telekom, an denen jetzt häufig Touchscreens statt Telefonhörern zu sehen sind – ja, die habe ich noch vor meinem inneren Auge. Aber die richtigen Telefonkabinen? Ich habe den Eindruck, mit seien lange keine mehr begegnet. Ich stecke das kleine Päckchen in die Tasche und schiebe das Fahrrad auf die Straße.

Ich war fünfzehn, da hatte ich meinen ersten Freund. Und meine Eltern erstmals dauerhaft ein blockiertes Telefon. Zum Glück war es schnurlos, denn der Anschluss war im Wohnzimmer. Man stelle sich nur mal vor, ich hätte meine Teenagergefühle in Worte fassen müssen, während meine Eltern auf dem Sofa Fernseh schauen. Nein, da hatte ich es wirklich gut. Ich konnte mich in mein Zimmer zurückziehen, mich in meinen großen Korbsessel lümmeln und von dort aus anrufen. Stundenlange Telefonate mit der ersten großen Liebe und natürlich auch weiterhin mit den Schulfreundinnen waren das Resultat. Außerdem genervte Familienoberhäupter und gepfefferte Rechungen von der Telekom. Die Kosten wurden ab einem gewissen Zeitpunkt auch auf meine Schultern verteilt, aber dass ich nicht mehr jederzeit stundenlang telefonieren sollte, das war ein echtes Problem. Ich hatte schließlich viel zu sagen. Um 14 Uhr aus der Schule heimkommen verlangt spätestens gegen 16 Uhr nach einem Gespräch mit den Freund oder einer Freundin, was man in den letzten zwei Stunden getan oder gedacht hat. Wieso verstanden meine Eltern das bloß nicht.

Mein bester Freund wurde eine Telefonzelle, die nur eine Straßenecke entfernt zu finden war. Eine geschlossene, allerdings nicht gelb. Dort verbrachte ich also regelmäßig meine Nachmittags- und Abendstunden. Groschen für Groschen verschlang der Münzeinwurf, die Kante der Telefonbuchablage drückte schmerzhaft in meinen Po, während ich auf ihr saß, die Blicke der draußen Wartenden zwangen mich schließlich irgendwann zum Gesprächabbruch. Aber auch ich konnte verdammt böse gucken, wenn ich dringend telefonieren wollte, aber jemand meine Zelle blockierte. Die verbrauchte Luft des Vorgängers ließ zwar immer einen Moment lang zögern, ob man den noch warmen Hörer gleich wirklich in die Hand nehmen wollte, aber die Vorfreude auf die geliebte Stimme am anderen Ende ließ jeden Zweifel unerhört.

Ich erreiche das Museum. Ich schließe das Rad an eine Laterne. Dort, wo früher unweit meines Elternhauses die Telefonzelle stand, ist heute nur noch eine nackte Betonplatte zu sehen, denke ich. Ich lasse meinen Fahrradschlüssel in die Jackentasche gleiten und hole mein Handy heraus. Wie sooft: es hat niemand angerufen.

Sandra

Sandra

Seit 2008 blogge ich nordisch-frisch über meine Heimatstadt Bremen und alle Regionen, in denen eine steife Brise weht und man lieber in Strandkörben als auf Designermöbeln Platz nimmt. Für Nordseeinseln schlägt mein Herz dabei besonders laut. Noch lauter allerdings für den Lütten, der seit Februar 2016 mein Leben auf wunderbare Weise auf den Kopf stellt.

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