Die zwei Seiten der Digitalisierung. Oder auch: Blogfamilia 2017

Ich habe heute kein Foto für Euch. Keines, außer diesem Handyschnappschuss. Nach so einigen Blogger Konferenzen, auf denen ich meine große Kamera dabei hatte und mich mehr auf die Suche nach tollen Motiven als auf de Inhalte der Konferenz konzentriert habe, war ich dieses Mal schlauer: Die Blogfamilia 2017 habe ich nicht durch die Kamera erlebt, sonderr mit allen Sinnen. Allen voran mit meinen Ohren.

Viel Spannendes habe ich vergangenen Freitag  gehört. Darunter zwei Programmpunkte, die besonders in mir nachhallen. Der erste, weil er so prägnant wie lange nicht mehr die Relevanz von Familienblogs auf den Punkt gebracht hat. Der zweite, weil er ein Thema beleuchtete, das mich die vergangenen Wochen stark und auch jetzt noch immer beschäftigt: die Schwierigkeiten von Eltern im digitalen Arbeitsalltag. Außerdem passen die beiden Vorträge meiner Ansicht nach hervorragend zusammen, zeigte der eine doch, welche großartigen Chancen die Digitalisierung für das Familienleben von heute bieten, während der andere die Schwierigkeiten nachwies. Wer da war, der weiß schon, von welchen Beiträgen ich rede, allen anderen seien sie nun endlich genannt: die Keynote „Über den Einfluss von Elternblogs auf eine Generation Elternschaft“ von Nora Imlau und die Diksussionsrunde „Digitalisierung und Vereinbarkeit – Fluch oder Segen?“ mit Kirsten Frohnert (DIHK ‐Netzwerkbüro „Erfolgsfaktor Familie“), Cornelia Spachtholz (Vorsitzende Verband berufstätiger Mütter e.V.) und Tobias Weber („Johnnys Papablog“).

„Gute Eltern zu sein hat heute viele Bedeutungen“

Welche Rolle spielen Elternblogs für Familien von heute? Diese Frage habe ich im April zusammen mit einigen anderen an die Blogfamilia-Organisatorin Alu weitergegeben und dieses Interview dann auf dem Blog der Jugendherbergen veröffentlicht. Umso mehr freute ich mich, als ich im kurze Zeit später erscheinenden Konferenz-Programm las, dass Nora Imlau genau zu diesem Thema die eröffnende Key Note sprechen würde. Und was soll ich sagen: Sie hat auf prägnante, leidenschaftliche und überzeugende Art und Weise dargelegt, wieviel Glück wir Eltern von heute doch haben, dass es die vielen (oftmals noch zu wenig ernstgenommenen) Familienblogger gibt.

In der Generation ihrer Oma, so berichtete Nora, hätte es  ein, vielleicht auch zwei Standardwerke zu Kindererziehung und Familienleben gegeben, nach denen sich Eltern richteten, auch wenn ihr Bauchgefühl sich mit den jeweiligen Ansätzen gar nicht anfreunden konnte. Doch weil öffentlich keine gegensätzlichen oder alternativen Modelle zur Sprache kamen, wurde der tradierten Meinung gefolgt. Egal, wie glücklich oder unglücklich es machte. Elternblogs von heute seien inhaltlich hingegen genauso unterschiedlich wie Familien selbst. Einblicke in unterschiedliche Alltagsleben zeigen: Gute Eltern zu sein hat heute mehr als nur eine Bedeutung. Patchwork oder alleinerziehend, öko oder hipp, gleichgeschlechtlich oder traditionell, bindungsorientiert oder streng, langzeitstillend oder karriereverfolgend – für nahezu jede Ausrichtung gibt es mindestend eine Internetseite, auf der dazu etwas zu lesen ist. Eltern von heute hätten die freie Wahl, welcher Lebens- und Familienentwurf zu ihnen passt. Ein Pluralismus, der  Freiheit bedeutet!

Und noch ein anderes Punkt von Noras Vortrag ist besonders bei mir hängengeblieben: „Elternblogs machen Familienleben öffentlich und schaffen damit eine gesellschaftliche Relevanz für das Thema.“ Oh ja. Wer nämlich glaubt, dass die sogenannten Muddi-Blogs nur banales Zeug sammeln, der irrt. Es gibt immer mehr Elternblogs, die politisch sind oder zumindest eindrucksvoll und lösungsorientiert über Schwierigkeiten im modernen Familienleben berichten. Macht euch bewusst: Journalisten und auch Politiker lesen das. Und kommen immer weniger darum herum, sich damit auseinanderzusetzen. Von daher tun wir als Blogger gut daran, nicht nur über das schönste Kindergeschirr oder den Motto-Kindergeburtstag zu schreiben, sondern auch über die Schwierigkeiten der Vereinbarkeit, die Lücken in der Familienpolitik oder auch Schicksalschläge wie Fehlgeburten oder Krankheiten in der Familie (sofern man das möchte, versteht sich, manchmal gibt es gute persönliche Gründe, das nicht zu tun!). „Mit der Macht [von Elternblogs] steigt auch die Verantwortung“, gab Nora zurecht abschließend zu bedenken.

„Kein Handy auf dem Spielplatz“

Die Digitalisierung hat Familienleben also sichtbarer, demokratischer und vielfältiger gemacht. Ein echter Pluspunkt, den ich persönlich nicht missen möchte. Und sie hat es Eltern  einfacher gemacht, zu arbeiten. Weil es immer und überall geht. Und damit hat sie es Eltern auch schwerer gemacht. Um genau dieses Dilemma ging es in der Abschluss-Runde der Blogfamilia und der anschließenden Diskussion.

Tobias von Johnnys Papablog hat meiner Ansicht nach sehr klar herausgestellt, dass die eigene Selbstdisziplin darüber entscheidet, ob die Digitalisierung im Job-Alltg zum Fluch oder Segen wird. „Auf den Spielplatz nehm ich das Handy nicht mit. Punkt.“ Für ihn wird die Entgrenzung zwischen Privat- und Arbeitsleben dann zum Problem, wenn man sich ihr beugt. Sein Werdegang als Papa ist übrigens ein interessanter: Er hat seine Festanstellung aufgegeben und arbeitet nun selbständig, um mehr Zeit mit seiner Tochter verbringen zu können. Dass das natürlich nicht immer so leicht ist wie es zunächst klingen mag, haben wir als Zuhörer schnell gemerkt. Aber er hat eine Haltung zum schlechten Gewissen gegenüber Kunden und anderen Schwierigkeiten entwickelt. Und die räumt seinem Papa-Dasein meinem Eindruck nach klarer Priorität ein.

Dass die Digitalisierung aber nicht nur für Selbständige ein Problem werden kann, sondern auch in festangestellten Arbeitsverhältnissen auftritt, haben Kirsten und Cornelia deutlich gemacht. Außerdem gab es von Kirsten Frohnert noch eine interessante Zahl, die eindrucksvoll zeigt, wie wichtig Vorbilder sind: In Unternehmen, in denen männliche Führungskräfte Elternzeit genommen haben, haben das anschließend fünfmal mehr andere Männer auch getan als in Unternehmen, in denen Führungskräfte diese Verantwortung gegenüber ihrer Papa-Funktion nicht übernehmen. Interessant, oder?

Respekt, liebe Blogfamilia-Familie!

Für mich waren die Start und das Ende der Blogfamilia eine tolle Klammer um eine  phantastische Veranstaltung. Chapeau, liebe Blogfamilia-Familie, was Ihr da nun schon zum dritten Mal auf die Beine gestellt habt. Aus meiner Erfahrung mit unseren beiden „Bloggen mit Herz„-Workshops weiß ich, wieviele Emails, Absprachen und Organisationsschritte solch einem Tag vorausgehen. Und unser Event war ja teilnehmermäßig deutlich kleiner.  Das Ganze nahezu kostenlos für die TeilnehmerInnen hinzubekommen, noch drei Awards zu vergeben und außerdem am Veranstaltungstag noch so fröhlich und nahbar zu wirken – das muss Euch erst einmal jemand nachmachen. Meinen Respekt habt Ihr!

Danke auch an die zunächst unbekannten Menschen, die mir vergangenen Woche in Berlin begegnet sind und nun zu Bekannten geworden sind (z.B. Mum and still me, Mit viel Gefühl, Frische Brise, Ich bin dein Vater, Große Köpfe, Inka Nina, Mias kleine Schätze und Jens). Danke an das Team von Weleda, die mir in zwei Alltagsfragen kompetent geholfen haben. Und Dank an Frau Bimmelbommelei für die gemeinsame Zugfahrt und den gemeinsamen Tag!

Ich wollt Euch durch alle Berichte der Blogfamilia lesen? Hier findet Ihr eine Übersicht.

 

Sandra

Sandra

Seit 2008 blogge ich nordisch-frisch über meine Heimatstadt Bremen und alle Regionen, in denen eine steife Brise weht und man lieber in Strandkörben als auf Designermöbeln Platz nimmt. Für Nordseeinseln schlägt mein Herz dabei besonders laut. Noch lauter allerdings für den Lütten, der seit Februar 2016 mein Leben auf wunderbare Weise auf den Kopf stellt.

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