Herz über Kopf. Oder auch: Meine Gedanken zum anstehenden Kita-Start.

Der Kita-Start steht vor der Tür. Das kommt weder unerwartet noch hat mich dazu jemand genötigt. Ganz im Gegenteil: Noch vor einigen Monaten hatte ich große Angst, dass wir keinen Kita-Platz über das zentrale Verfahren bekommen würden, denn in Bremen ist es wie in einigen anderen deutschen Städten: es fehlen so einige. Dementsprechend groß war die Erleichterung, als im Januar per Post die Zusage für unsere Wunsch-Einrichtung kam. Erleichtert war ich vor allem deshalb, weil die Wiederaufnahme meiner Selbständigkeit bereits im Februar anstand (meine Elternzeit ging da zuende) und ich zum nächstmöglichen Zeitpunkt  (das ist in Bremen allerdings immer erst August) natürlich eine Betreuung benötigte.

Wie wir es zwischenzeitlich, also seit Februar lösen? Wie ich es schaffe, ohne Kita-Betreuung bereits mindestens drei volle Tage zu arbeiten, teilweise mit Dienstreisen? Nun, wir haben das große Glück, dass meine Mutter große Freude am Oma-Sein hat und den Lütten in dieser Zeit bei uns zuhause hegt und pflegt. Dafür reist sie sogar jede Woche zwei Stunden, bleibt drei Tage und reist dann wieder zurück zu meinem Papa, der sich zwischenzeitlich als Strohwitwer selbst versorgt. Ein riesiges Entgegenkommen, ohne das wir aufgeschmissen gewesen wären. Denn den Lütten mit erst einem Jahr in fremde Betreuung zu geben, hätte sich für mich nicht gut angefühlt. Dass die Betreuung ersteinmal in der Familie und in unseren eigenen vier Wänden blieb, das war hingegen eine gute Lösung. Sie schmerzte in den ersten Tagen zwar auch, weil ich es einfach nicht gewohnt war, vom Sohnemann so lange getrennt zu sein, doch meine Mutter macht das alles supergut, so dass ich meinen Frieden damit geschlossen habe.

Diesen Frieden werde ich mit der Kita vermutlich auch irgendwann schließen. Aber ich gebe es offen zu: Aktuell löst der Countdown zu externen „Fremd“betreuung ein kleines Unbehagen aus. Ich wünsche mich in die Zeit zurück, in der es keine U3-Einrichtungen gab, sondern Kinder mit einem Elternteil bis zum Kindergartenalter zuhause waren. Und das Gehalt eines Nicht-Akademikers für Hausabtrag, Auto, 3 Wochen Sommerurlaub und mittelständischen Lebensstandard gereicht hat. Das scheint derzeit kaum noch der Fall zu sein. Wohin ich aktuell auch höre: Viele junge (Akademiker-)Familien brauchen ein zweites Gehalt und starten deshalb schnell wieder in den Job. Meist die Frau in Teilzeit. Wir sind eine dieser Familien.

Kopf: „Kita hat echt gute Seiten“

Ich sehe die guten Seiten der Kita, das tue ich wirklich. Ich bin mir sicher, dass das Zusammensein mit anderen Kindern Lerneffekte beim Lütten auslösen wird, die ich so schnell nicht herstellen könnte. Ich finde es super, die Verantwortung, dass ein Tag mit Musik, Kreativität, Spiel im Freien und gesundem Essen gefüllt sein sollte, nicht mehr allein auf meinen Schultern liegt. Ich liebe es schon jetzt, mehrere Stunden ungestört am Schreibtisch sitzen zu können und für meine Kunden zu arbeiten. Ab August wieder jeden Werktag, zumindest bis 14 Uhr, im Büro erreichbar zu sein, finde ich für meinen Job wichtig. Es tut mir gut, mein berufliches Ich auszuleben. Ich würde es aber manchmal gern ein paar Stunden weniger tun.

Aber weniger zu verdienen ist ja so eine Sache, wenn man plötzlich mehrere hundert Euro Kita-Gebühren zahlen muss. Ja, Bremen langt ordentlich zu. Nicht so sehr, dass sich ein Teilzeitgehalt gar nicht lohnen würde, aber so sehr, dass man richtig große Effekte nicht merkt.  Denn das Leben mit Kind ist ja per se ein etwas teureres. Ein Paar neue Schuhe, Windeln für einen Monat und die Gebühr für einen Kinderschwimmkurs – zack, ist das Kindergeld schon verbraucht. Dafür muss man wirklich keinen luxuriösen Ansprüchen frönen, das passiert schneller, als man gucken kann. Da es aber pro Monat noch ein paar Dinge mehr gibt, die anfallen, ist das Leben mit Kind eben etwas teurer als ohne. Deshalb gehen beide arbeiten. Und das Kind in die Kita.

Frida fasste das Ganze in einem Blogbeitrag, der sich um das Thema „Wohnen als Familie“ drehte, jüngst auch sehr treffend zusammen: „Es ist kein Geheimnis – junge Familien haben das wenigste Geld. Alleinerziehende natürlich noch weniger. Aber da, wo Kinder sind, ist es oft knapp. Meist arbeitet mindestens einer, und die Kinder verursachen Extrakosten. Man hat deutlich weniger Einkommen und deutlich mehr Ausgaben, die kaum durch das Kindergeld gedeckt werden. Kinder muss man sich also leisten können… aber wenn jetzt nur die Akademiker Eltern Kinder bekommen und dann im Bestfall direkt beide weiter in Vollzeit arbeiten, um das Haus abzubezahlen – ist das nicht ein bisschen menschenfeindlich? Also, dass es nur noch ein mögliches Lebensmodell geben darf? „

Herz: „Kita ist wie Abschieben.“

Aber ich will mich gar nicht so sehr im Finanziellen verlieren, denn was mich momentan beschäftigt, spielt sich ja auf einer emotionalen Ebene ab: Ich hab immer wieder das Gefühl, den Lütten im Stich zu lassen. Ihn allein zu lassen in einem Alter, in dem er seine engste Bezugsperson noch braucht. Zu viel von ihm zu erwarten. Und das tut mir trotz aller positiven Aspekte einfach im Herzen weh.

Viele Fragen schießen durch meinen Kopf. Ich frage mich, ob ein ruhiges Verhalten bei bzw. nach der Eingewöhnung  wirklich für Wohlergehen stehen würde oder vielleicht doch auch für ein nicht zu erkennendes resigniertes Tapfersein, das ihm innerlich Stress macht. Ich frage mich, ob eine Erzieherin die Bedürfnisse von nicht sprechenden Kindern passend erkennen kann. Ich frage mich, wer den Lütten ermutigt, es weiter mit dem Besteck zu probieren, wenn er enttäuscht-wütend darüber ist, dass ihm zum zigsten Mal etwas von der Gabel gefallen ist, und ob er es gut aushalten kann, zwischen vielen Kindern zu schlafen, mag er das doch jetzt nicht mal zwischen uns Eltern. Wenn dann noch Schlagzeilen zu Misshandlungen in einer Kita oder wissenschaftliche Erkenntnisse zu negativen Folgen einer  U3-Betreuung in meiner Timeline landen, wird meine Laune nicht gerade besser.

Ich weiß, ich weiß, es wird sich alles finden. Das haben tausende Kinder vor ihm geschafft. Ich weiß auch, dass die Wahrscheinlichkeit, dass mein Kind in einer Kinder quälenden  Einrichtung untergebracht ist, nahezu bei Null liegt. Im Gegenteil: Ich habe von den MitarbeiterInnen unserer Kita bisher durchweg einen superguten Eindruck! Wann immer ich da war, fühlte ich mich wohl. Kurz gesagt: Ich kann mir all meinen Bedenken letztlich selbst auf vernünftige kopfgesteuerte Weise widerlegen.

Aber Kinder haben ist eben oft nicht rational, sondern eine hochemotionale Angelegenheit.Und meine Gefühlswelt zwickt eben aktuell ganz oft mit diesem einen fiesen Vorwurf:

Du lässt den Lütten im Stich.

 

Sandra

Sandra

Seit 2008 blogge ich nordisch-frisch über meine Heimatstadt Bremen und alle Regionen, in denen eine steife Brise weht und man lieber in Strandkörben als auf Designermöbeln Platz nimmt. Für Nordseeinseln schlägt mein Herz dabei besonders laut. Noch lauter allerdings für den Lütten, der seit Februar 2016 mein Leben auf wunderbare Weise auf den Kopf stellt.

6 thoughts on “Herz über Kopf. Oder auch: Meine Gedanken zum anstehenden Kita-Start.

  1. Nein, du öffnest dem Lütten eine Tür zu einer neuen Welt, in der es unheimlich viel zu gucken gibt. Und jeden Tag darf er durch diese Tür zurückkommen und von seinen Abenteuern berichten. Das wird er. Immer auf dem Stand seiner Sprache. Vertrau ihm. Wenn es nicht passt, lässt er dich das wissen. Und dann kannst du handeln.

  2. Liebe Sandra, ich, als Krippenleitung, könnte jetzt tausend gute Gründe anführen, warum es eben kein „Abschieben“ sondern ein „Ermöglichen“ ist. Ich beschränke mich hier mal auf das Wesentliche:

    1.Lena hat Recht. Du erweiterst eure Welt einfach ein Stück. Du fügst ihr weitere Menschen hinzu denen ihr vertrauen könnt. Wenn du ihnen die Chance gibst.

    2.Du hast immer eine Wahl. Wenn es sich nicht gut und nicht richtig anfühlt, kannst du immer noch etwas ändern. Dann kannst du deine Bedürfnisse und Prioritäten umsortieren und schauen, ob es vielleicht doch erstmal ein anderes Modell für euch seien soll.

    Wichtig wäre mir, dass du weiter klar deine Bedenken äußerst. Auch in der Kita. Bis zum tatsächlichen Krippenstart sollten sie sich verflüchtigt oder mindestens minimiert haben. Hospitier doch mal ohne den Lütten dort, frag ob es vielleicht noch ein Sommerfest gibt zu dem ihr kommen könnt um die Atmosphäre zu schnuppern und mal mit Eltern in Kontakt zu kommen, deren Kinder da sind. Wenn du explizite Fragen hast, zum Beispiel zu Schlaf- oder Essensituation, dann frag nach. Gute Krippen geben dir gern Auskunft. Und ihnen ist auch daran gelegen, dass du zum Krippenstart möglichst entspannt bist. Dein Kind hat gelernt, dass es sich zu hundert Prozent auf dich und deine Einschätzung verlassen kann. Es liest deine Körpersprache wie ein Buch. Wenn du Angst hast, ihn dort zu lassen, wird ihm das auch nicht geheuer sein. Ich freue mich immer, wenn Eltern das im Vorfeld so klar formulieren und mir die Möglichkeit geben, ihnen etwas von dieser Angst zu nehmen und die Sichtweise etwas zu verändern. Wie fremd diese „Fremdbetreuung“ liegt ja auch in deiner, also in Elternhand. Ich gebe in diesem Jahr zehn meiner Krippenkinder in den Kindergarten ab und da ist nix mehr fremd. Ich denke auch von Elternseite nicht. Vielleicht befrage ich „meine Eltern“ da mal zu, aber tatsächlich ist es nicht selten, dass auch nach dem Wechsel in den Kindergarten nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern mal wieder zu Besuch zu uns kommen. Und ich weiß jetzt schon ein paar, mit denen ich mir auf dem Abschlussfest im Juli sicher heulend in den Armen liege. Oh man. Aber man steht sich schließlich echt nah. Ich finde das gut und gerade diese Nähe zu den Familien und die durch das Vetrauen der Eltern mögliche Nähe zu den Kindern (und die daraus resultierenden Möglichkeiten in der Begleitung ihrer Entwicklung), macht für mich den Zauber meines Berufes aus. Ich kenne viele Krippenmitarbeiter(innen) und es ist eigentlich bei allen ebenso. Das ist ein Job, denn du mit ganzem Herzen machst….. und jetzt hab ich schon viel mehr geschrieben als ich wollte und könnte noch mehr schreiben, weil ich dafür brenne. Ich brems dann hier mal ab und ende mit : Hab Vertrauen! Seh die Möglichkeiten! Falls du noch irgendwelche Fachfragen hast, mit denen du deine Kita nicht konfrontieren willst, meld dich ruhig bei mir. Du siehst ja: ich äußer mich gern zu dem Thema! Liebe Grüße, Vanessa

    1. Liebe Vanessa,

      vorweg: Wer seinen (so wichtigen) Beruf mit so viel Herzblut ausübt, darf hier das Kommentarfeld ausfüllen, bis es kracht. Dein Krippenteam sowie die Kinder sind sicher sehr glücklich über Dich als Leitung!

      Dein Hinweis, dass ich Skepsis ruhig offen teilen sollte, ist ein wirklich ermutigender. Denn bislang mahnte mich eine innere Stimme, das nicht zu tun, um nicht schon vor dem Start wie eine überkandidelte Helikopter-Mutter dazustehen. Daher ist es interessant zu lesen, dass man gar nicht unbedingt in dieser Schublade landet, sondern das Kita-Team darüber eher dankbar ist.

      Ich glaube allerdings, mein Problem ist weniger ein Mangel an Vertrauen zu den künftigen Bezugspersonen. Bislang hatte ich von allen einen sympathischen und kompetenten Eindruck (ja, wir waren unter anderem beim Sommerfest ;-)). Ich hadere vielmehr mit dem Gefühl, ihn zu früh „mutterseelenallein“ zu lassen – im konkreten Wortsinn. Aber je mehr ich mich mit dem Thema auseinandersetze, desto mehr kann ich das Gefühl abbauen. Und das ist in der Tat wichtig, denn ich bin auch fest davon überzeugt, dass sich meine Unsicherheit auf den Lütten übertragen würde. Und das wäre echt blöde.

      In diesem Sinne ist ein Austausch wie genau dieser hier zum jetzigen Zeitpunkt sehr hilfreich. Herzlichen Dank!

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