Work is not a Kinderspiel #3. Oder auch: Interview mit Lina von NUMADE

Die ersten acht Arbeitswochen nach der Babypause waren für mich wie ein berufliches Wochenbett. Was genau ich damit meine, habe ich euch berichtet. In dieser Zeit habe ich mich häufig gefragt, wie andere Mompreneurs den Wiedereinstieg wohl erlebt haben und welche Tipps sie rückblickend an selbständige Neu-Mamas geben. Fertig war die Idee zu der Interview-Serie „Work is not a Kinderspiel“, in der heute Lina von NUMADE über ihr Arbeitsleben als zweifaches Mutter erzählt.

Lina, Du hast Dich in der Babypause selbständig gemacht. Wie kam´s zu diesem Schritt?

Ja, genau. In der ersten Elternzeit mit meinem Sohn habe ich mich selbstständig gemacht beziehungsweise den Schritt in diese Richtung gewagt. Die Idee zur Plattform NUMADE hatte ich schon lange, nur fehlte mir immer die Zeit, sie umzusetzen. Im ersten Jahr der Babypause habe ich erst einmal nur die Social Media Kanäle betrieben und die Seite programmieren lassen. Richtig gestartet bin ich dann im Mai 2015, also als mein Sohn schon fast 1 1/2 war.

Wie hast Du Dir den Joballtag anfangs vorgestellt und was davon hat so gar nicht geklappt?

Ich habe gedacht, „schlafen wie ein Baby“ würde stimmen. Dass Babys Anfangs meist zwar viel, aber eben nur kurz und am liebsten auf Mama schlafen, hat mich überrascht. Auch wenn mein Sohn ein wirklich zufriedenes Baby war, gab es natürlich anfänglich keine langen Mittagspausen, in denen ich hätte arbeiten können. Solange mein Sohn noch bei mir zuhause war, musste ich lernen, Aufgaben nicht immer sofort beenden zu können und mir für alles mehr Zeit zu nehmen. Als Mama kann man zu jeder Zeit von einem Bedürfnis des Kindes überrascht werden – Müde, Pipi, Kacka, Hunger, Durst oder einfach nur kuscheln oder spielen. Da ich meist zuhause arbeite, musste ich auch lernen die Hausarbeit links liegen zu lassen. Das hat lange gedauert und klappt manchmal noch immer nicht so recht. Mein Mann kann die Wäscheberge irgendwie besser ignorieren.

Wie hast Du darauf reagiert? Was hast Du verändert?

Ich habe in längeren Zeiträumen geplant. Wenn manchmal – na gut, das passierte Anfangs oft – ein Tag nicht nach Plan lief, mussten Dinge eben an einem anderen Tag erledigt werden. So galt meine To Do Liste nicht mehr nur für einen Tag, sondern für die ganze Woche. Das macht das Arbeiten flexibler. Außerdem musste ich mich natürlich daran gewöhnen, weniger zu schaffen und auch wenn meine Liste nach der Woche nicht abgehakt war, sie ohne schlechtes Gewissen mit in die nächste Woche zu nehmen und die Zeit mit dem Kind trotzdem zu genießen. Das Abschalten fiel und fällt mir oft schwer. Raus gehen, egal bei welchen Wetter hilft dann aber enorm. Dann sind der Schreibtisch, der Computer, die E-Mails und auch die Wäscheberge außer Sicht- und Reichweite.

 

Wie sieht ein typischer Arbeitstag heute bei Dir aus?

Ich kann zur Zeit ehrlich gesagt gar nicht von einem Arbeitstag sprechen. Als mein Sohn mit 1 1/2 Jahren drei bis vier Tage die Woche bei einer Tagesmutter war, habe ich Vormittags sehr effektiv gearbeitet. Da ich in der Zeit aber zusätzlich freiberuflich beim NDR gearbeitet habe und an der Uni eingeschrieben war, habe ich oft abends noch am Schreibtisch gesessen. Ich bin ein Nachtmensch! Glücklicherweise kamen Oma und Opa meist noch 1x die Woche am Nachmittag vorbei. Da mein Mann auch selbständig ist und damals noch von zuhause aus gearbeitet hat, konnten wir beide uns immer absprechen und flexibel arbeiten.

Aktuell versuche ich vormittags Kleinigkeiten am Schreibtisch zu erledigen. Mein Sohn ist mittlerweile im Kindergarten und meine Tochter ist jetzt 6 Monate alt. Momentan sitze ich mit ihr vor dem Bauch am Küchentisch und beantworte deine Fragen – Unterbrechungen gab es bisher übrigens drei, aber nur Kurze. Am Nachmittag arbeite ich nicht, da habe ich Kinderzeit. Wenn ich früher manchmal bis Mitternacht am Schreibtisch saß, fallen mir jetzt schon um 23 Uhr die Augen zu. Wenn ich zu tun habe, arbeite ich aber natürlich abends trotzdem noch 2-3 Stunden. Aber auch das hängt von der Schlafsituation der Kinder und der voran gegangenen Nacht ab. Ich habe gelernt, wie wichtig Schlaf ist und mir wurde immer großes Verständnis entgegengebracht, wenn Dinge auf Grund der Kinder später erledigt wurden.

Schaffst Du es, Deinem persönlichen Anspruch an Arbeitsergebnisse immer gerecht zu werden?

Nein, beziehungsweise schaffe ich das was ich erledigen möchte zu meiner Zufriedenheit. Da ich aber oft mehr Ideen in meinem Kopf habe, als ich umsetzen kann, muss ich mich in Geduld üben. Das ist aber vollkommen okay. Ich würde auch immer die Arbeit für die Kinder liegen lassen. Ständige Unterbrechungen, immer nur kurz und nie mal lange arbeiten zu können finde ich zwar sehr anstrengend, besonders wenn ich für die Uni etwas tun musste, fiel es mir schwer mich in kurzer Zeit tief gehend mit Themen zu beschäftigen. Ich habe oft das Gefühl mich mit Dingen nur kurz und oberflächlich beschäftigen zu können. Ich habe es mir ja aber so ausgesucht. Wenn ich mal längere Zeit konzentriert arbeiten muss, dann verschiebt mein Mann seinen Job auf die Abendstunden oder die Großeltern springen tagsüber ein. Zur Zeit funktioniert das natürlich selten, da ich meine Tochter noch voll stille und ich außerdem die Babyzeit genießen möchte.

Ein krankes Kind wirft den straffen Zeitplan als Selbständige meist vollkommen aus der Bahn. Wieviel Verständnis zeigen Deine Kunden und Geschäftspartner? Und wie gehst Du selbst mit solchen Situationen um – Aufträge mit anderen abwickeln, Arbeitspensum reduzieren oder Nachtschichten einschieben?

Wie schon geschrieben, bin ich überrascht, wie viel Verständnis man als Mutter bekommt. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich mit vielen selbstständigen Frauen zusammenarbeite. Viele NUMADE-Labels werden von Frauen geführt und viele Bloggerinnen mit denen ich zusammenarbeite sind Mütter. Anfangs hatte ich oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich E-Mails nicht sofort beantwortet habe, mittlerweile ist das nicht mehr ganz so schlimm. Mein Zeitplan ist einfach nicht mehr so eng getaktet und wenn eines der Kinder krank ist, dann vergesse ich ehrlich gesagt meine To Do Liste komplett. Ich glaube und wünsche mir, dass wir Frauen und Mütter stärker zusammenarbeiten und mehr Verständnis für einander zeigen. Um mir noch mehr Druck zu nehmen und noch flexibler sein zu können, überlege ich immer wieder mir jemanden an meine Seite zu holen und NUMADE mit einer Partnerin zusammen zu führen.

Gibt es Menschen, die Dir das Vereinbaren von Kind und Job erleichtern oder vielleicht sogar erst ermöglichen?

Auf jeden Fall mein Mann. Manchmal wäre es sicher einfacher, wenn er angestellt wäre. Dann könnte er sich Urlaub nehmen oder zuhause bleiben, wenn eines der Kinder krank wäre – und es würde nicht immer gleich Verdienstausfall oder Nachtschichten bedeuten. Seine Flexibilität genieße ich trotzdem sehr. Manchmal klappt es sogar, dass er sich eine 4-Tage Woche gönnt, zwar mit vorangegangenen Arbeitsstunden am Abend, ein gemeinsamer Familienfreitag ist aber wirklich toll, echter Luxus und hilft mir entweder ein bisschen zu arbeiten oder Kraft zu tanken. Auch wenn die Großeltern etwas weiter weg wohnen und noch arbeiten, versuchen sie mich mich immer zu unterstützen. Glücklicherweise liebt es mein Sohn, bei meinen Eltern zu sein und übernachtet dort regelmäßig. Und um ehrlich zu sein, wird die kinderfreie Zeit auch mal faul auf dem Sofa oder mit einem gemeinsamen Restaurantbesuch mit meinem Mann verbracht.

À propos Paarzeit – wie bekommt Ihr die noch hin, wenn Ihr oft jeweils arbeitet, wenn der andere die Kinder betreut?

Vor der Geburt unserer Tochter war unser Sohn fast jede Woche eine Nacht bei meinem Eltern. Meist von Donnerstag auf Freitag oder Freitag auf Samstag. Da haben wir mit einem gemeinsamen Paarabend das Wochenende eingeläutet. Und am Wochenende habe ich Abends nicht gearbeitet. Wenn ich Abends noch etwas tun muss, dann Mo – Mi. Mein Mann sitzt selten Abends alleine auf dem Sofa. Wir haben uns meist abgesprochen und haben die Abende dann gemeinsam im Büro verbracht. Das kann sogar ganz schön sein. Ehrlich! An solchen Abends haben wir dann außerdem versucht in Ruhe zu zweit zusammen zu Essen – wenn das große Kind schon im Bett war. Niemand von uns muss vor 8 Uhr aufstehen, sodass es nicht ganz so schlimm ist, wenn es mal später wird.

Als ich noch beim NDR gearbeitet habe und viel für die Uni tun musste, waren die Wochen sehr voll – da ging eine NDR Schicht manchmal schon bis 22 Uhr. Das war eine anstrengende Zeit. Jetzt mache ich nur noch NUMADE und da habe ich relativ wenig zu tun.  Erst in letzter Zeit sitze ich vermehrt Vormittags am Rechner und kurble ein wenig NUMADE an und besuche hin und wieder ein Uni-Seminar. Die Arbeitszeit hält sich bei mir also absolut in Grenzen. Die Paarzeit allerdings auch. Das liegt aber daran, dass die Kleine leider nicht alleine schlafen möchte und einer von uns beiden das Babymädchen immer vor sich her trägt. Da ich aber weiß, dass das nur noch circa 6 Monate so gehen wird, sehe ich es gelassen. Und für wirklich entspannte Familienzeit steht unser Camper vor der Tür und die Saison beginnt ja nun endlich wieder. Einfach mal ein Wochenende raus fahren tut mir immer wieder gut – und es muss noch nicht mal weit weg sein.

Welche Vorteile bietet Dir Deine Selbständigkeit mit Blick auf das Familienleben?

Die Flexibilität ohne sich vor einem Chef rechtfertigen zu müssen. Ich kann jetzt, im ersten Babyjahr weiter arbeiten. Klar die Babyzeit genieße ich. Ganz still sitzen kann ich aber einfach nicht, ab und zu Jobs zu erledigen macht mir Spaß. Außerdem kann ich die Kleine zu den meisten Terminen mitnehmen. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich längerfristig aber gerne ein paar Stunden die Woche angestellt sein – ein paar Vorteile hat das dann doch. Was mir am klassischen Angestellten-Verhältnis aber gar nicht gefällt, ist das Stunden zählen. Arbeitsverträge laufen immer auf Stundenbasis. Warum wird man nicht nach Aufgaben bezahlt? Dinge müssen erledigt werden und ich weiß doch am Besten, wie lange ich für etwas benötige. Vielleicht würde dann auch erkannt werden, dass Mütter oft schneller und effektiver arbeiten, da sie eben wissen, dass der nächste Tage schon wieder ganz anders aussehen kann und sie eventuell – hoffentlich nicht – einen Tag mit dem kranken Kind auf dem Sofa verbringen. Die Arbeitswelt wird ja aber auch immer flexibler und läuft nicht mehr nach dem Nine-To-Five-Prinzip.

Dein ultimativer Tipp, wie der Wiedereinstieg in den Job gut klappt?

Sich den Druck nehmen, dass alles wie vor der Babypause laufen muss, selbstbewusst sein und sich trauen. Für alles mehr Zeit einplanen, für den Job, für die Kinder und auch für sich und seine freie Zeit. Ohne Auszeiten für sich selbst kann weder effektiv gearbeitet noch entspannt gespielt werden. An alle Mütter und Väter, egal ob selbstständig oder nicht: Vergesst das Spielen nicht, es ist ein Kulturgut und es macht Spaß!

Danke für den persönlichen Einblick in dein berufliches und privates Kinderspiel, Lina!

Die bisherigen Interviews verpasst? Kein Problem, hier geht´s zur Übersicht der Reihe #worksinotakinderspiel.

 

 

Sandra

Sandra

Seit 2008 blogge ich nordisch-frisch über meine Heimatstadt Bremen und alle Regionen, in denen eine steife Brise weht und man lieber in Strandkörben als auf Designermöbeln Platz nimmt. Für Nordseeinseln schlägt mein Herz dabei besonders laut. Noch lauter allerdings für den Lütten, der seit Februar 2016 mein Leben auf wunderbare Weise auf den Kopf stellt.

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