Logbuch unserer Kita-Eingewöhnung. Oder auch: Die Tage bis zur ersten Abwesenheit

Im „Logbuch unserer Kita-Eingewöhnung“ erzähle ich ein bisschen davon, wie es dem Lütten (18 Monate beim Schreiben dieser Beiträge), aber vor allem mir beim Start in die Kita ergeht. Auch wenn jede Eingewöhnung so individuell ist wie das jeweilige Kind, tut der Erfahrungsaustausch auf diesem Wege anderen Eltern vielleicht gut. Heute geht´s um die Zeit nach dem ersten Tag bis zu meiner ersten kurzen Abwesenheit. Bei uns war das die Zeit von Tag 2 bis einschließlich Tag 4.

Tag 2 – Aus Mangel an Beweisen

Der Lütte steht an einem Kindertisch, zupft blaue Knete auseinander und lässt die kleinen Brocken auf den Boden fallen. Rechts neben ihm ein blonder Junge seiner Gruppe. Ihm gegenüber seine Bezugserzieherin. Links neben ihm: ich. Ich, die in diesem Moment am liebsten hastig sagen würde: „Zuhause macht er das nicht mehr mit dem Runterschmeißen!“

Ich verkneife es mir, auch wenn es tatsächlich stimmt. Und denke nach: Was zum Teufel passiert da gerade in mir? Schon zum zweiten Mal an diesem Vormittag ertappe ich mich dabei, dass ich mich für etwas entschuldigen möchte. Konkreter: dass ich unsere Erziehung gegen vermeintliche Verurteilung schützen möchte. Und mir wird klar: Der Kita-Start ist für Mütter wie mich auch die Zeit, in der man lernt, dass die Meinung anderer über das, was das Kind macht, und über das, was man daraus ableiten könnte, egal sein muss.

Hand aufs Herz: Insgeheim wünsche ich mir natürlich, dass die MitarbeiterInnen der Kita auf den Lütten schauen und dabei zufrieden denken „Wow, der ist aber wirklich gut geraten. Da haben die Eltern vieles richtig gemacht.“ Ich glaube nämlich durchaus, dass wir vieles richtig machen und der Lütte gut geraten ist. Doch plötzlich schmeißt dieses Kind dann Knete auf den Boden, Legos durchs Zimmer und sitzt den Rest der Zeit ausdruckslos auf einem kleinen Kinderstuhl – und ich möchte am liebsten Beweisvideos mit dem Worten „Hier! Guck! Zuhause ist der ganz anders!“ hochhalten. Hab ich nicht. Ist ja auch vollkommener Schwachsinn, diese Rechtfertigung. Aber dennoch, ja, so geht es mir in diesem Moment.

Andererseits freue ich mich, dass der Lütte überhaupt am Knettisch steht und an etwas teilnimmt. Ich musste allerdings mit. Überhaupt werde ich von ihm immer an die Hand genommen und von meinem Platz gezogen, wenn er sich für eine andere Ecke im Raum interessiert. Ich frage mich dabei jedes Mal, ob es okay ist, ihn zu begleiten oder ich ihn mehr ermutigen sollte, allein loszuziehen. Ich entscheide mich immer fürs Begleiten, denn hey: Es ist der zweite Tag. Er ist ein kleiner Mensch. In einem großen Raum. Mit vielen unbekannten Menschen. Natürlich wünscht und braucht er da Begleitung.

Insgesamt ist Tag zwei kaum anders als der Tag ein: Wie zuvor ist er der große scheue Beobachter. Allerdings er ist zielstrebig ins Haus hineingelaufen, als wir am Eingang ankamen. Ich war mir nicht sicher, ob er freiwillig und vor allem frohen Mutes mit reinkäme. Aber doch, er kraxelte die Stufen hoch, lief den Gang bis zu seiner Gruppe und schaute wohlwollend neugierig in den Raum, als ich ihm in der Garderobe die Straßenschuhe gegen die Lederpuschen tauschte.

11 Uhr, die Kita-Gruppe räumt nun wie jeden Tag den Raum auf, um dann langsam zu den Rituale vor dem Mittagessen überzugehen. Schade, gerade jetzt hat der Lütte die Spielküche entdeckt und taut zunehmend auf. Als ihn eine Mitarbeiterin der Kita sanft aus dem Bereich führen möchte und ihm dafür recht nahe kommen muss, sehe ich, wie sein Gesicht versteinert und seine Körperhaltung in Schockstarre verfällt. Er kann mich in diesem Moment nicht sehen und ich erkenne, wie unwohl er sich in diesem Augenblick fühlt. Er mag Nähe einfach nicht. Schon gar nicht bei Fremden.

Wir wechseln wieder die Schuhe und ich zeige dem Sohnemann, dass ich seine Hausschuhe in sein Fach lege. Ich drücke ihm seine Windjacke in die Hand und gehe noch einmal mit ihm in den Raum um laut und deutlich allen Kindern und Erwachsenen Tschüss zu sagen. Ich finde es wichtig, ihm vorzuleben, dass man „Guten Morgen“ sagt und sich am Ende verabschiedet. Er beteiligt sich nicht an dieser Höflichkeitsform, was nicht wild ist. Entscheidend ist, dass er sieht, was ich tue.

Nach einem kleinen Zwischenstopp auf dem Spielplatz und im Garten der Nachbarn, wo der Lütte noch eben dabei hilft, gemähtes Gras zusammenzuräumen, gibt es Nudeln mit vom Bonusbruder selbstgemachter Bolognese-Sauce. Der Mittagsschlaf klappt problemlos und dauert sage und schreibe drei Stunden. Statt Ausflug in den Bürgerpark gibt es ein abgespecktes Nachmittagsprogramm: einmal zu Rossmann und nochmal auf den Spielplatz.

 

Tag 3 – Politik der kleinen Schritte

Der Lütte macht´s wie Willy Brandt und tastet sich behutsam und in kleinen Schritten an große Veränderungen heran. Und das wortwörtlich! Ist er vor 15 Minuten noch wie ein Cowboy nach langen Ritt in großen Schritten in Richtung Kita marschiert, tapst er jetzt mit zusammengehaltenen Knien und im Zentimeter-Abstand von mir weg. Langsam, ganz langsam. Immer bereit, bei drohender Gefahr sofort und schnell den Rückzug anzutreten. Von Gefahren allerdings keine Spur. Die anderen Kinder spielen erstaunlich unaufgeregt, die Erzieherinnen haben immer alles im Blick.

Bei unsere Ankunft waren gerade alle Kinder draußen. Der Lütte hatte den Raum für sich – und das fand er super. Er lief schnurstracks von einer Ecke in die andere. Als dann die anderen Kinder zurück kamen, verschanzte er sich wieder hinter meinen Beinen, allerdings mit einem fetten Grinsen im Gesicht. Ihm gefällt der Kita-Trubel durchaus. Nur das Mitmachen, das braucht noch ein Weilchen.

Doch heute macht er bereits früher mit. Und mehr. Noch immer kein Vergleich zum anderen, jüngeren Kleinkind, das sich ebenfalls in der Eingewöhnung befindet und schon mittenmang im Geschehen ist, sich von der Erzieherin durch die Gegend tragen lässt und die ganze Zeit keck aus dem Gesicht strahlt. Aber in Hinblick auf seine Persönlichkeit und seine Geschwindigkeit sind Fortschritte zu beobachten. Einmal gibt er seiner Bezugserzieherin sogar einen Spielteller. Nahezu ein Durchbruch.

Zum ersten Mal merke ich heute allerdings, dass er nach einer Stunde unruhig wird. Mehr Mitmachen heißt mehr Mut aufbringen heißt schneller k.o. sein. Wir gehen daher wieder gegen kurz nach elf. Wieder bin ich zufrieden. Dass es mit diesen kleinen Fortschritten, über die ich mich wirklich freue, allerdings in den kommenden zweieinhalb Wochen klappen kann, dass er für ein paar Stunden allein vor Ort ist, kann ich mir nur schwer vorstellen. Dazu geht alles doch seeehr langsam vorn. Wir werden sehen.

Wir gehen nach der Kita einkaufen, der Lütte ist nach wie vor etwas unruhig. Das Einschlafen in der Mittagspause klappt heute nur mit meiner Anwesenheit. Aber es klappt. Wieder einmal dauert er mit drei Stunden sehr lang.

Tag 4 – Unverhofft kommt oft

„Wer ist das und was habt Ihr mit meinem Sohn gemacht?“ denke ich verblüfft und schaue dem Lütten erstaunt bei seiner Eroberung der Kita-Gruppe zu. Im Tunnel den anderen hinterhergucken, beim Türmestapeln mit anpacken, Schubladen zuschieben, Wagen durch die Gegend schieben… Er ist von Beginn an mittendrin. Potzblitz, das hätte ich nach dem gestrigen Tag noch nicht erwartet. Über Nacht hat er einen riesigen Satz nach vorn gemacht. Ob es daran liegt, dass die Nacht auf der einen Seite unruhiger und auf der anderen Seite zwei Stunden länger war als sonst?

Nein, das hätte ich tatsächlich nicht erwartet. Und bin gerührt. Gerührt über seinen Mut, seine Akzeptanz der Situation, sein Draufzugehen. Hach, Mamagefühle eben.

Mir kommt ein Instagram-Kommentar in den Sinn, den ich gestern auf einem anderen Account gelesen habe. Es war ein Foto, in dem es ebenfalls um die anstehende Kita-Eingewöhnung geht. Der ungefähre Wortlaut des Kommentars war wie folgt: „Mach Dir keine Sorgen. Ihr seit in den letzten zwölf Monaten so viel mit ihr unter Menschen gewesen und habt viel erlebt, sie wird offen auf alles zugehen.“ Mhm. Dieser Meinung  kann ich aus meiner Erfahrung heraus nicht uneingeschränkt zustimmen. Vermutlich stimmt es, dass die Kinder, die eine Eingewöhnung gut und schnell absolvieren, vorher auch viel unterwegs waren. Umgekehrt kann man es aber nicht generalisieren: Nicht jedes Kind, das schon viel erlebt hat, geht in solch eine Situation offen hinein. Der Lütte ist das bete Beispiel. Wir sind seit dem dritten Monat immer auf Achse. Er hat schon vieles erlebt – von Krabbelgruppen über lange Radtouren und Musikgarten bis hin zu einer Kanadareise. Er wurde schon von anderen Menschen als seinen Eltern betreut und ist nahezu jeden Tag mindestens einmal draußen unter fremden Menschen. Und trotz dieses Erfahrungsschatzes stolperte er nicht gleich enthusiastisch in die neue Situation.  Wir sollten uns alle davor hüten, den Erfolg einer Eingewöhnung mit dem Erfolg der bisherigen „Erziehung“ gleichzusetzen. Es ist eine Sache der Persönlichkeit des Kindes. Punkt.

Der Lütte hält eineinhalb Stunden durch. Spielt und erkundet. Kommt ab und zu zu mir, tätschelt mein Bein, lässt sich kurz über den Kopf kraulen und ist dann direkt wieder weg. Ich freu mich für ihn und bin erleichtert.

Mit seiner Bezugserzieherin berate ich über das kommende Vorgehen. Wie die ersten vier Tage werden wir auch morgen und kommenden Montag den 10 Uhr-Termin beibehalten und gegen 11.15 Uhr wieder gehen. Ab Dienstag werden wir schon gegen 8/ halb 9 starten und am gemeinsamen Frühstück teilnehmen. Morgen allerdings werde ich – sofern der Lütte sich ähnlich verhält wie heute – den Raum mal verlassen.

Ich bin gespannt. Aber nach wie vor sehr zufrieden wie es läuft.

Wie läuft es denn bei Euch?

Sandra

Sandra

Seit 2008 blogge ich nordisch-frisch über meine Heimatstadt Bremen und alle Regionen, in denen eine steife Brise weht und man lieber in Strandkörben als auf Designermöbeln Platz nimmt. Für Nordseeinseln schlägt mein Herz dabei besonders laut. Noch lauter allerdings für den Lütten, der seit Februar 2016 mein Leben auf wunderbare Weise auf den Kopf stellt.

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