Logbuch unserer Kita-Eingewöhnung. Oder auch: Mamafreie Minuten.

Im „Logbuch unserer Kita-Eingewöhnung“ erzähle ich ein bisschen davon, wie es dem Lütten (18 Monate beim Schreiben dieser Beiträge), aber vor allem mir beim Start in die Kita ergeht. Auch wenn jede Eingewöhnung so individuell ist wie das jeweilige Kind, tut der Erfahrungsaustausch auf diesem Wege anderen Eltern vielleicht gut. Heute geht´s um die ersten mamafreien Minuten an Tag 5 und 6. Was das oben abgebildete Foto damit zu tun hat? Nichts. Ich mag´s einfach.

Tag 5: Fünf mamafreie Minuten

Der Lütte fegt durchs Zimmer. Im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat den Besen entdeckt und schiebt ihn unermüdlich quer durch den Raum. Bis in die letzte Ecke. So, wie er es auch zuhause gern macht. (Wie schade, dass dieser Arbeitseifer spätestens mit der Pubertät Geschichte sein wird.) Wie auch an Tag 4 ist er mittendrin im Geschehen und kommt lediglich hin und wieder einmal zu mir gelaufen, die lesend auf einem Stuhl sitzt, um die Hand kurz auf mein Knie zu legen und dann wieder weiterzuziehen. Er ist gut drauf. Jetzt. Nach unserer ersten Mini-Trennung. Knapp 5 mamafreie Minuten standen heute für ihn auf dem Programm. Als er gerade mit seiner Bezugserzieherin und unter neugierigen Augen anderer Kinder durch sein Trösteralbum blätterte, hielt ich den Moment gekommen, mich mal kurz zu verabschieden.

„Ich geh mal eben raus auf die Toilette, ja? Ich komm gleich wieder. Wartest Du bitte hier?“ Der Lütte guckt. Erst mit großen Augen zu mir, dann wieder auf sein Album, dann zurück zu mir. Ich gehe aus dem Raum. Tatsächlich kurz auf die Toilette, dann warte ich noch ein paar Minütchen auf dem Flur, checke kurz meine Mails. Keine Verzweiflungsschreie, sehr gut. Ich schlendere zurück zur gläsernen Gruppentür – und sehe den Lütten dahinter stehen. Wartend.

„Er hat das besser hinbekommen als ich gedacht hätte“, sagt mir seine Bezugserzieherin. „Er ist zur Tür, nachdem Du weg warst, hat etwas gequengelt, ist dann aber wieder zurück in den Raum gekommen. Und dann ist er wieder zur Tür, um nach Dir zu gucken.“

Der Lütte freut sich, als ich zurück kommen, nimmt mich an die Hand und geht mit mir zurück in den Krippenraum. Ein hervorragendes Zeichen. Denn wenn er Panik schieben würde, würde er an der Tür bleiben. Signalisieren, dass er jetzt auch raus will, um nicht Gefahr zu laufen, dass ich allein gehe. Tut er aber nicht. Er möchte weiterspielen. Und fegen.

Mit der Erzieherin verabrede ich, dass wir am kommenden Montag wieder um 10 Uhr kommen. Sie selbst wird nicht da sein, aber ihrer Kollegin, die wir in dieser Woche aufgrund von Krankheitsabwesenheit nicht kennengelernt haben. Dienstag könnten wir dann ja schon mal zum Frühstück dabei sein.

Unsere Zeit geht dem Ende zu, der Lütte steht vor einem blonden Mädchen. Er schaut auf eine Puppe in ihrer Hand. Das Mädchen geht von ihm weg – Wuaaaaah! Ohne dass irgendetwas passiert ist, fängt der Lütte plötzlich aus tiefster Seele und kreuzunglücklich an zu weinen. Dicke Tränen kullern über seine Wangen, er sieht verzweifelt aus. Ich weiß nicht, was das ausgelöst hat. Mehrere Minuten dauert das Weinen, das mal abebbt, dann aber wieder an Energie aufnimmt. Ich bin ratlos. Merke aber, dass es für diese Woche wohl reicht. Für seine erste Kita-Woche, in der es jeden Tag ein bißchen voran ging und er nur dieses eine Mal geweint hat.

 

Tag 6: Ein neues Gesicht

Der Lütte hat heute keine Lust, den Weg zur Kita zu laufen. Och heerje, das ist doch hoffentlich kein Zeichen dafür, dass er da nicht mehr hinmöchte? Dass er durch die Pause des Wochenendes wieder etwas „zurückgeworfen“ wurde? Nein, ist es nicht! Nachdem wir in der Kita angekommen sind und ich ihn aus dem Wagen gehoben habe, stiefelt er zielstrebig in den Krippenraum, zieht den Schemel unter der Garderobe vor und setzt sich darauf, damit ich ihm die Schuhe wechsle. Jeden Morgen aufs Neue gibt mir das ein gutes Gefühl: Er möchte rein, er möchte das Getöse von der Gruppe erleben.

Statt des bekannten Gesichte seiner Bezugserzieherin, die montags frei hat, lernen wir eine neue Erzieherin kennen. Also neu für uns, nicht neu in der Kita. Mit ihr tausche ich mich kurz über den Charakter des Lütten, seine Erfahrungen mit Kindergruppen und den bisherigen Verlauf aus. Ich kläre sie auf, dass der Lütte schon immer ein Kind ist, das Distanz zu Menschen braucht, soziale Interaktion manchmal spooky findet und sich seeehr langsam an neue Kontakte heranwagt. Dass es daher für ihn viel besser ist, man lässt ihn „außen vor“ statt ihm deutliche Angebote für Spiel und Teilhabe zu machen. Während das bei anderen Kindern das Eis bricht, kann das beim Lütten nämlich zu einem totalen Rückzug führen.

Wie am Freitag sitze ich einfach rum, während der Lütte mal hier, mal da im Raum rumguckt. Legos aufhebt, um danach direkt einen Brummkreisel zu drücken. In die Spielküche flitzt, um dann doch wieder zu mir zu kommen. Über eine Bank klettert, um sofort danach einen Stuhl durch die Gegend zu schieben. Heute sucht er meine Nähe deutlich häufiger als am Freitag. Das Wochenende. Das neue Gesicht. Er braucht mehr Rückversicherung.

Nachdem die Hälfte der Zeit rum ist, ziehe ich mich wieder zurück. Verabschiede mich, sage, dass ich gleich wiederkomme. Und gehe raus auf den Flur. Ich höre die Sprachnachricht einer Freundin ab. Spaziere dann langsam wieder zurück zur Gruppentür und spähe hindurch. Der Lütte sitzt auf dem Schemel in der Garderobe und wartet. den Kopf hat er in Richtung des Gruppenraumes gedreht, um z beobachten, was die anderen Kinder tun. Aber mitmachen, nein, das will er gerade nicht.

Ich entschließe mich, nicht gleich wieder reinzugehen, sondern gehe noch einmal zur Toilette. Vielleicht entschließt er sich ja, doch auch wieder reinzugehen um mitzuspielen? Ich lese einen Aushang auf dem Flur und gehe dann zurück. Der Lütte sitzt immer noch auf dem Schemel-. Sein Gesicht: weder unglücklich panisch noch enthusiastisch. Einfach abwartend.

„Er hat sich gleich hier hingesetzt“, berichtet mir die Erzieherin. „Ich bin einmal zu ihm, um ihn zu trösten, aber da hat er mich weggeschoben.“ Mich nimmt der Lütte hingegen wieder an die Hand, damit ich zusammen mit ihm wieder hineingehe. Aha, hat erneut keine nachhaltig verstörende Wirkung auf ihn, mein Rückzug. Gut.

„Morgen kommt Ihr mal gegen halb 9, ja?“ Ist gebongt. „Es wird insgesamt vermutlich noch lange dauern“, fügt die Erzieherin hinzu. Ein Satz, der sich in diesem Moment nicht gut anfühlt. Warum? Weil natürlich auch ich die Zeit im Nacken habe – leider. Grundsätzlich hätte ich kein Problem damit, nach zehn Wochen jeden Tag in die Kita mitzukommen, allerdings gibt es da ja so zwingende Notwendigkeiten namens „arbeiten“. Und die klopfen allerspätestens Anfang September wieder an meine Tür.

Je länger ich zuhause bin, desto mehr zweifle ich allerdings daran, dass die Einschätzung richtig ist. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg. Der Lütte ist ein sehr eigener Kopf. Wenn der auf einem Schemel sitzt und das Treiben der anderen beobachtet, ist der weniger unglücklich als man meinen könnte.

Die bisherigen Beiträge des Eingewöhnungs-Logbuchs verpasst? Hier findest Du sie!

Sandra

Sandra

Seit 2008 blogge ich nordisch-frisch über meine Heimatstadt Bremen und alle Regionen, in denen eine steife Brise weht und man lieber in Strandkörben als auf Designermöbeln Platz nimmt. Für Nordseeinseln schlägt mein Herz dabei besonders laut. Noch lauter allerdings für den Lütten, der seit Februar 2016 mein Leben auf wunderbare Weise auf den Kopf stellt.

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