Die Kalenderblätter fallen, das Display im Telefon legt auch immer eine Zahl aufs Datum drauf und spätestens das Abzählen der verbleibenden Tage offenbart es jedes Mal auf Neue: Es sind nur noch wenige Tage in meinem derzeitigen Job. Statt Abschiedsschmerz oder Vorfreude bestimmt allerdings gerade eine Art Gesellschaftsstudie den Alltag. Denn es wird eine Nachfolgerin bzw. ein Nachfolger gesucht. Die Castingreihe „Bremens next Top-PRler“ ist in vollem Gange und wie bei bekannten Castingsshows auch, sieht man da Kandidaten, über die man sich dann doch sehr wundert. Frei nach dem Motto „Deine Mutter hat Dir tatsächlich immer gesagt, Du könntest GUT singen?“ Wir drehen die Uhr mal um 6 Stunden zurück…
Es ist 15.24 Uhr. Meine Kalenderfunktion hatte mich jüngst daran erinnert, was ich ohnehin nicht vergessen hätte: Gleich steht das nächste Bewerbungsgespräch an. Kann ja nicht schaden, nochmal kurz auf die Toilette zu verschwinden und im Vorbeigehen der nächsten Anwärterin einen Blick und ein „Hallo“ zuzuwerfen. Ich trete auf den Flur und sehe sie bereits vollkommen unbeweglich und schüchtern im Stuhl versinken. Direkten Schrittes laufe ich ihr entgegen, unsere Blicke treffen sich, ich setze ein einladendes Lächeln auf (ein ernstgemeintes, wohlgemerkt, denn ich kenne die Aufregung vor solchen Gesprächen durchaus) und zurück kommt…. nichts. Das Gesicht bleibt leer. Mein „Hallo“ gibt es trotzdem, zurück kommt es auch, allerdings kaum hörbar. Die letzten Male bin ich immer stehen geblieben und hab mich vorgestellt, ein bißchen gesmalltalkt – was man eben so macht. Doch ich ging weiter. Und wußte: Das Gespräch können wir uns schenken. Das ist sicher nicht die nächste Unternehmenssprecherin. Und dieser erste Eindruck, von dem ich mich grundsätzlich auch gern wieder hätte abbringen lassen, verhärtete sich mit jeder Minute, die wir dann zu viert am Tisch saßen.
Jeder, wirklich jeder Mensch, weiß, dass man sich in der Regel kurz selbst darstellt. Lebenslauf, Stärken, Schwerpunkte in der Arbeit.. Wenn man dazu die Gelegenheit bekommt, diese dann aber nicht nutzt, sondern „Mhmm. Also, da weiß ich jetzt gar nicht, wo ich anfangen soll. (Stille)“ quittiert, dann fragt man sich schon, ob sich die Person gegenüber im Klaren darüber ist, dass sie sich gerade auf eine KOMMUNIKATION-Stelle bewirbt. Eine Stelle, in der es zwar durchaus auch um solide Fleißarbeiten, aber eben in vielen Situationen um Kernbotschaften, strukturierte Darstellungsweise, Leute für sich gewinnen und Fernsehauftritte geht. Ich bin wirklich fassungslos.
Über die Gesprächsbrücken, die wir ihr bauen, läuft sie kein einziges Mal.
GF: „Die aktuelle Stelle möchten sie aber verlassen.“ (gesprächsaufmunternder Blick zur Bewerberin)
BW: – Stille –
GF: „Ähm, gibt es dafür einen Grund?“
BW: „Ja.“ -Stille-
GF (fragender Blick): -Stille-
BW: -Stille-
GF: „Welcher ist das denn?“
BW: „So die Bedingungen…“ -Stille-
Mein Blick trifft den des GF. Zwischen uns die unausgesprochene Frage „Ja, und welche, verdammt? Geld? Mobbing? Uninteressante Inhalte? Zu kleines Büro? Mädel, red doch mit uns.“ Was bleibt ist die Stille. Ich stelle mir diese Frau in diesem Moment bei einem Interview vor der Kamera vor. Niederschmetterndes Bild!
Fragen an uns hat sie natürlich auch keine. Die vorherigen rund 15 Minuten hätten schon alles beantwortet. Aha. In Anbetracht dessen, dass andere Gespräche über eine Stunde lang sind und selbst da sie BewerberInnen noch Fragen haben, muss das ja die informativste Viertelstunde unseres Berufslebens gewesen sein.
Zugegeben, dieses Erlebnis ist nicht repräsentativ für die bisherigen Gespräche. Aber es zeigt umso frappierender, dass das gedruckte Wort einer Bewerbungsmappe sehr trügen kann.

sehr amüsant =)
Allerdings! 😉