Im Alter ist es vorbei mit der Privatsphäre.

Vor dem Eingang zwei Bänke, rechts und links. Darauf rüstige Senioren, Männer und Frauen, deren Hände auf ihren Rollatoren ruhen. Sie blicken mich neugierig an und ich weiß in diesem Moment, dass ich in eine der wenigen Abwechslungen an diesem Tag bin. Denn es passiert nicht viel zwischen Frühstück, Mittagessen und Abendbrot. Es sind vor allem die Besucher, die Leben ins Haus bringen. In das Heim, wo Fotocollagen an den Flurwänden und saisonal geschmückte Tische das Gefühl von familiären Leben und Gemütlichkeit vermitteln wollen. Doch sie schaffen es nicht, über die gestresst hetzenden Pflegerinnen und die trostlose Hilflosigkeit des Alters hinwegzutäuschen.

Opa sitzt nicht im Eingangsbereich. Vorbei die Zeit, in der er manches Mal im Rollstuhl durch die Gänge rollte und auf seinen Besuch wartete. Vorbei, seit Oma nicht mehr da ist. Obgleich die Ehe sooft von Alkohol, Gegeneinander und Krankheit geprägt war – ohne einander konnten sie nie. Es scheint, seitdem Opa nicht mehr über seine Frau die Augen verdrehen und vor ihrer Anwesenheit aus dem Zimmer nach draußen fliehen kann, sei der Antrieb seines täglichen Daseins verschwunden.

Ich öffne die Tür zu seinem Zimmer. Ein Doppelzimmer. Im Alter ist es vorbei mit der Privatsphäre.

„Hallo Opa!“
“ –„
„Na..?“

Ich gehe zu seinem Bett, die Gitter an den Seiten sind hochgestellt. Er fordert das inzwischen ein, ohne sie fühlt er sich unsicher. Ich war lange nicht mehr hier. Im Bett liegt der schwache Körper eines freudlosen Mannes mit leerem Blick. Mitleid steigt in mir auf und ich frage mich, wie ich die nächsten ein, zwei Stunden mit Leben füllen kann. Lebendigkeit ist hier dringend nötig. Es riecht nach Lebensmüdigkeit und Qual.

„Dass Du Dich hier auch mal blicken läßt.“
„Naja, Du weißt ja, dass ich nicht oft in der Stadt bin. Wie geht´s Dir denn?“
„… Die sollen mich mal anziehen. Ich will rausfahren.“

Er klingelt nach der Schwester. Okay, die ruppige Art ist noch da, er ist es wirklich. Die Schwester ist nicht begeistert, dass wir nach draußen wollen („In einer Stunde gibt es Abendessen.“), doch sie läßt sich überzeugen. Ihre Kollegin bringt einen Lifter. Oder wie so was heißt. Das Prozedere ähnelt dem auf einem Schlachthof. Wenn man einem toten Tier einen Gurt umschnallt, um es mit einem Kran dorthin zu werfen, von wo es nicht mehr zurückkommt. Ich krame in Opas Kleiderschrank nach einem Pullover. Ich suche passende Schuhe. Ich finde mich nicht zurecht und fühle mich unsicher. Wie ziehe ich ihm was am besten über? Tut ihm etwas weh? Wie schaffe es es, die Würde des Mannes nicht anzutasten und ihn dennoch zu versorgen?

Ich schiebe ihn durch den Flur in Richtung Park.

„Wo sollen wir denn am besten rausfahren?“
„Du kennst Dich hier nicht aus. Verdammt, wieso hast Du denn Deine Mutter nicht mitgebracht. Die kennt sich hier wenigstens aus.“
„Mama ist doch ständig hier. Ich dachte, es wäre ganz schön, wenn Du mal anderen Besuch bekommst.“
„Gmpfh.“

Die Sonne scheint und am Gartenteich sitzt man recht idyllisch. Opa bleibt sprachlos. Ich versuche, ihn zum Reden zu bewegen. Zwecklos. Als die Worte dann kommen, zerstören sie den Frieden aufs Neue.

„Lass uns hier mal wegfahren. Ich krieg hier Wassertropfen ab.“
„Opa, das war nur der Wind, der von der Brunnenfontäne ein bißchen Wasser rübergeweht hat“.
„–„
„Okay. Wir setzen uns drüben auf die andere Seite.“

Ich schiebe den Rollstuhl auf die gegenüberliegende Seite des Teiches. Umsonst.

„Aber nein, ich will doch mit Dir ins Café gehen.“
„Ach so.“
„Ja. – Ich will ein kleines Eis.“
„Opa, Du darfst eigentlich kein Eis wegen des Zuckers.“
„Ich darf Eis.“
„Nein. Aber ich kann ja mal fragen, ob sie Eis für Diabetiker haben.“

Ich versuche, den Rollstuhl so an den Gartentisch zu stellen, dass Opa das Eis auf dem Tisch erreichen kann. Schwierig, denn sein linkes Bein muss er zurzeit ausgestreckt vor sich liegen haben. Als wäre es gebrochen. Ist es aber nicht. Eine Wundheilung am Zeh klappt nicht. Seit Wochen. Wir kriegen das Eis. Obwohl das Café bereits geschlossen hat. Denn gleich gibt es ja Abendbrot. Opa löffelt das Eis. Es tropf hinunter auf seinen Pullover. Ich lege ihm eine Serviette auf die Brust und komme mir anmaßend vor. Er ist kein Baby – und doch muss ich ihn so behandeln. Er scheint es inzwischen still hinzunehmen. Eine Frage der Gewohnheit oder der Resignation?

About Sandra

Ich schreibe hier über drei Dinge, die mich jeden Tag aufs Neue beschäftigen: meine Heimatstadt Bremen, meine berufliche Selbständigkeit und mein Alltag als Mutter eines Kleinkindes. Was mir am Herzen liegt: Euch anzustiften! Zu Unternehmungen an der Weser, zu Mut im Berufsleben und zu einem humorvoll-offenen Herzen für Eure Kinder. Allen Herausforderungen zum Trotz. Dass es nicht immer einfach ist, Familie und Job zu vereinbaren, darum geht es hier nämlich auch ab und zu.

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