„Peine?“ Ich drehe mich spontan um und schlinze durch den Spalt der beiden Sitze.
Inzwischen war das ältere Ehepaar, dessen männlicher Part bis Göttingen neben mir im ICE Platz genommen hatte, in die Reihe hinter mir umgezogen. Ich war darüber höchst glücklich gewesen, denn so bot sich meinen Beinen die Gelegenheit, auf dem Nebensitz rumzulümmeln. Ein kleiner Trost nach schon rund eineinhalb Stunden Fahrt, in denen ich zu allem Unglück auch noch erfuhr, dass der Zug umgeleitet werden muss und bis Hannover 50 Minuten länger brauchen wird. Das hatte mir gerade noch gefehlt am Ende einer arbeitsreichen Woche, in der ich nicht mal jeden Tag zum Schlafen zu Hause war, sondern auch mal dem Hotelzimmer Gute Nacht sagte. Der Kopf mahnt schmerzend daran, dass eine Pause dringend nötig ist – ein unfreiwilliges einstündiges Rumhocken in der Bahn war allerdings nicht die Pause, die ich mir vorgestellt hatte. Nach Hause will ich. Aufs Sofa und abschalten. Doch was kann man machen, außer geduldig auszuharren? Ich schloss die Augen, kroch weiter in die beiden Sitze hinein und versuchte zu entspannen. Erfolglos. Ich versank in einen dösigen Zustand.
Die Antwort „Peine“, die der Rentner hinter mir auf die Frage eines Mitreisenden nach seinem Ziel gab, erweckte mich zu neuem Leben.
„Peine?“
„Ja. Wollen Sie auch nach Peine?“
„Nein. Aber ich bin da geboren. Meine Eltern leben da immer noch.“
„Tatsächlich? In welcher Straße denn, wenn ich fragen darf?“
Ich sagte es ihm. Sein Gesicht erhellte sich noch etwas mehr, er kannte sie.
„Ach, das ist ja ganz nach an meinem ehemaligen Revier. Ich war ja an der Hinrich-Wilhelm-Kopf-Schule.“
Ein zweites Stichwort, noch näher an meiner Kindheit als der Städtename. Jetzt bin ich endgültig wach.
„Da bin ich zur Schule gegangen!!!“
„Ich war dort Hausmeister.“
Ich schaue ihn an. Ist es Einbildung oder kommt er mir tatsächlich bekannt vor? Auf jeden Fall entspricht er dem Phänotyp geselliger Hausmeister, die mit quirligen Grundschülern geduldig umgehen kann, ideal.
„In welchem Zeitraum denn?“
„Bis 1997.“
„Na, dann gehörte ich in jedem Fall zu den Kindern, die sie irgendwann mal gemaßregelt haben.“
Wir schmunzeln.
„Frau H. war meine Klassenlehrerin.“
„Aha, war Frau G. damals nicht Direktorin?“
„Hmm…. Nee, das war ein Mann. Herr V. glaube ich.“
„Ach so, jaja. Dann kennen SIe ja auch Frau X. und Herrn Y.“
„Ja.“
Seine Frau kommt zurück und wirft uns einen skeptischen Blick zu. Besser gesagt, sie wirft mir einen skeptischen Blick zu. Die glaubt doch jetzt hoffentlich nicht, dass ich ihren rund 70jährigen Mann anbaggere? Sie schaut jedenfalls vorwurfsvoll. Mein Grundschul-Hausmeister blickt sie hingegenmit begeistertem Blick an:
„Stell Dir vor. Sie ist auch aus Peine.“
„Mhmm. Peiner sind eben überall“ entgegnet sie knapp und schaut desinteressiert aus dem Fenster.
Oioioio, der Arme. Bei der Frau braucht er mindestens so viel Geduld wie bei einer tobenden Gruppe Drittklässler. Schon seit der Durchsage, dass der Zug Verspätung hat, ist sie schlecht gelaunt. Mindestens zwöfmal hat sie bereits durchgerechnet, dass es deutlich besser gewesen wäre, einen anderen Zug zu nehmen. „13:47 Uhr. Das wäre dann der andere gewesen. Hätten wir das gewusst. 15:22 Uhr dann den Anschluss. Herrje, das wäre ja viel besser gewesen. Jaja, wir wären zur gleichen Zeit angekommen wie jetzt mit der Verspätung, hätten aber vorhin den Stress nicht gehabt. Jetzt haben wir überhaupt nichts gewonnen. Der andere wäre vioel besser gewesen.“ Das wiederholte sich immer und immer wieder. Der Mann blieb ruhig. Ich bewunderte ihn, bluteten mir doch schon die Ohren. So jemand war zurecht Hausmeister!
Die Kindheit kommt noch einen Schritt näher. der Mann sagt:
„Früher haben wir ganz nah an Ihrem Elternhaus gewohnt, in der Martinstraße.“
„Nein! Meine Großeltern auch. Martinstraße 7“
„Wir wohnten auch in der 7.“
„In dem gelben Block?“
„Ja, die waren damals ja neu.“
Erinnerungen blitzen vor mir auf. Kniffel spielen mit Oma. Das Klingelschild. Die Nachbarn. Wir stellen jedoch fest, dass er bereits in den Bungalow auf dem Schulgelände wohnte, als ich meine Großeltern in besagtem Haus besuchte.
Die Fahr geht weiter, das Gespräch endet. Beim Aussteigen in Hannover blickt sich der Hausmeister noch mal zu mir um und zwinkert. Und ich freue mich nachträglich über diesen Held meiner Kindheit. Klein ist die Welt. Nah die Vergangenheit.