Speed vs. Kürbis

Auch heute strahlt die Sonne vom Himmel. Altweiberfarben und zaghaft herunterpurzelnde Blätter prägen das Bild beim Blick aus dem Fenster (ja, noch immer derselbe Ausblick wie die vergangenen Tage, die Krankheit hält sich hartnäckig). Schade, dass das Eichhörnchen immer im Vorgarten unterwegs ist, das könnte ich zur Ablenkung gerade gut hinten gebrauchen…

Während das Laub langsam, ganz langsam fällt, denke ich seit einigen Tagen über Geschwindigkeit nach. Über unseren Alltags-Speed, mit dem wir gemeinhin durch den Tag rasen. Wir haben so viele Möglichkeiten geschaffen, Zeit zu sparen: Wir müssen nicht mehr eine Minute lang dem Einwählen ins Modem zuhören, sondern sind direkt online. Essen aus der Mikrowelle gibt´s – sofern gewünscht – in weniger als fünf Minuten. Mit dem Smartphone erledigen wir uns Bankgeschäfte im Bus statt mit einer Überweisung zur Bank stiefeln zu müssen. Der ICE bringt uns in wenigen Sunden von Bremen nach München. Und trotzdem haben wir immer das Gefühl, dass der Tag zu wenig Stunden hat.

Eine besondere Belastung im Büro: die E-Mail. Mit ihr hat sich das Büroleben radikal beschleunigt, die Gedankenströme mussten dichter werden. Auf einen Klick verändern sich Wissensstände eines weit verstreuten Personenkreises. Kommt man heute aus einer Besprechung, sind zwölf andere Vorgänge auch schon wieder vorangeschritten. Oder haben sich verändert. Oder müssen geprüft werden. Ich fühle mich zugeballert mit Infos, ballere umgekehrt aber natürlich genauso zurück. Die Mail ist Fluch und Segen zugleich. Ich wünschte mir, mehr persönlichen Austausch zu haben, in Ruhe einen Brief auf Reisen schicken zu können. Doch der Pulsschlag der beruflichen Kommunikation ist stets auf 180. Ein zu hoher Blutdruck, doch wie entschleunigen, wenn alle anderen Gas geben?

Gestern noch mit dem Liebsten über all das gesprochen, sehe ich heute einen Beitrag zum Film „Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit„. Ja, der Mann versteht mich. Genau das ist mein Thema derzeit. Und ich kann dem weisen Asiaten nur zustimmen: „Ein Weg zum Glück ist es, wieder über die eigene Zeit zu bestimmen.“ Doch während bei Resi auf der Alm oder im buddhistischen Tempel alle laaaangsam unterwegs sind, fehlt im urbanen Leben das gesunde Verständnis und vor allem die Akzeptanz für das Weniger statt Mehr noch. Denn ganz im Ernst: Ist Mittagspausen-Yoga von 12.30 Uhr bis 13:15 Uhr wirklich Entspannung? Doch eher noch ein Punkt auf der To do-Liste mehr, mit dem man versucht, das schlechte Gewissen gegenüber des gestressten Körpers loszuwerden. Müßiggang sieht anders aus. Wie schwer der aber inzwischen ist, berichtete mir eine Freundin letztens am Telefon: „Ich mache diese Woche eine Übung: Jeden Tag fünf Minuten dasitzen und eine Tasse Kaffee trinken. Nichts anderes. Keine Zeitung, keine Musik, nur die Tasse Kaffee und ich. Du glaubst nicht, wie schwer mir das fällt“. Doch, glaub ich. Kann ich nämlich auch nicht mehr. Schlimm, oder?Das muss sich ändern.

Vielleicht einfach mal auf drei Kürbisse gucken. Hab da zumindest gerade welche auf dem Esstisch stehen…

 

About Sandra

Ich schreibe hier über drei Dinge, die mich jeden Tag aufs Neue beschäftigen: meine Heimatstadt Bremen, meine berufliche Selbständigkeit und mein Alltag als Mutter eines Kleinkindes. Was mir am Herzen liegt: Euch anzustiften! Zu Unternehmungen an der Weser, zu Mut im Berufsleben und zu einem humorvoll-offenen Herzen für Eure Kinder. Allen Herausforderungen zum Trotz. Dass es nicht immer einfach ist, Familie und Job zu vereinbaren, darum geht es hier nämlich auch ab und zu.

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