#flowersforinga oder auch: Die Schwierigkeit des Trauerns 2.0

Ein Blumenmeer breitete sich gestern in der Blogosphäre und in den Sozialen Netzwerken aus. #flowersforinga waren das, ein buntes Gedenken an eine junge Frau, die Blumen und das Leben liebte. Ein florales Innehalten für eine Bloggerin, die zusammen mit Elodie die Aktion #2flowergirls etablierte und uns mit farbenprächtigen Blüten und Blättern an die Schönheit der Natur erinnerte. Ein Abschiednehmen von Inga, die trotz Optimismus und zwei passenden Spendern letzte Woche an Leukämie gestorben ist.

Ich kannte Inga nicht persönlich. Ich kannte aber Glomerylane und irgendwie reicht das aus, irgendwie auch ein Gespür für den Menschen dahinter zu bekommen. Ihn ein bißchen zu kennen. Kennen im Sinne von wissen, dass es ihn gibt. Im Sinne von wissen, was ihm gefällt. Im Sinne von wissen, was er mit wem so dann und wann tut. Aber leibhaftig sind wir uns nie begegnet. Und doch berührte mich die Nachricht von Ingas Tod und auch ich lud gestern #flowersforinga bei Instagram hoch.

Dabei merkte ich ein ganz deutlich: Es ist mir völlig unklar, was ich beim Trauern 2.0 für angemessen halte. Was würdevoll ist und was zu viel. Während es im Leben 1.0 Traditionen der Beileidsbekundung und des Abschiednehmens gibt, ist das digital doch viel schwieriger. Aus vielerlei Gründen. Zum einen gibt es, wie oben beschrieben, viele Menschen, die wir im digitalen Raum treffen, aber niemals im wahren Leben. Und doch lernen wir über deren Blogs kennen, was sie begeistert, was sie denken, was sie erleben, was sie traurig macht. Einen Teil der Persönlichkeit nehmen wir wahr, aber manches bleibt auch ungesehen.

Und dann ist da noch die Öffentlichkeit. Instagram, Twitter, Blogs – all das passiert öffentlich. Bleibt öffentlich. Über den Tod hinaus. Ist Trauern nicht eigentlich etwas sehr Privates? Oder war es das zumindest vor dem Web 2.0? Ist es aber dennoch vielleicht genau richtig, einem Menschen, der sich öffentlich gezeigt hat, auch genau auf diesem Wege zu gedenken. Ich habe dazu noch keine klare Meinung.

Und was passiert eigentlich mit den Accounts, wenn man einmal nicht mehr da ist? Mit dem Blog? Ich selbst habe mir gestern die Frage gestellt, ob ich es mir wünsche würde, dass mein Blog in so einem Fall gelöscht würde oder gerade nicht.Ob es eher schön ist, wenn die Beiträge, über das, was ich erlebt habe, stehen blieben, oder ob ich damit vor allem den Trauernden immer wieder einen Stich versetzen würde. Ich konnte das nicht beantworten. Was ich bemerkt habe: Ich habe bewusst auf eine Adressierung von Ingas Instagram-Account in meinem Instagram-Beitrag verzichtet. Es erschien mir merkwürdig, auf etwas zu verlinken, was mit einem offenen Ende weiterhin zugänglich ist. Würde ich an einem Morgen das Haus verlassen und am Abend nicht mehr wiederkommen können – ich würde mir wohl wünschen, dass meine benutzte Kaffeetasse und mein Pyjama irgendwann weggeräumt würden. Dass die Menschen nicht immer wieder das Gefühl bekämen, ich könnte gleich wieder zur Tür hereinkommen, weil ich nur mal eben einkaufen gegangen bin.

Ich habe sehr gern an #flowersforinga teilgenommen. Aber es hat bei mir auch einige Fragen aufgeworfen, die gerade wir Blogger für uns selbst klären sollten. Oder für die wir zumindest sensibilisiert sein könnten. Es könnte helfen, wenn wir unseren engsten Vertrauten einmal sagen, wie wir es uns wünschen würden. Auch wenn ich fest hoffe, dass es niemals für sie nötig sein wird, es zu wissen.

Was denkt Ihr zu all dem? Was bedeutete Trauern 2.0 für Euch?

Abschließend noch meine dringende Bitte an Euch Leser, Euch bei der DKMS  typisieren zu lassen. Ich habe es im letzten Jahr getan. Und Ihr solltet es auch. Wie leicht es geht, erfahrt Ihr hier.

Passt auf Euch auf und genießt, was Ihr habt und liebt!

About Sandra

Ich schreibe hier über drei Dinge, die mich jeden Tag aufs Neue beschäftigen: meine Heimatstadt Bremen, meine berufliche Selbständigkeit und mein Alltag als Mutter eines Kleinkindes. Was mir am Herzen liegt: Euch anzustiften! Zu Unternehmungen an der Weser, zu Mut im Berufsleben und zu einem humorvoll-offenen Herzen für Eure Kinder. Allen Herausforderungen zum Trotz. Dass es nicht immer einfach ist, Familie und Job zu vereinbaren, darum geht es hier nämlich auch ab und zu.

7 thoughts on “#flowersforinga oder auch: Die Schwierigkeit des Trauerns 2.0

  1. Ein trauriges Thema, ein schöner Artikel. Ich habe mich gestern bei typischen Web 2.0-Reflexen ertappt, als ich von der Aktion mitbekommen habe. Direkt habe ich mich umgeschaut und überlegt, wie ich mitmachen könnte. Aber dann merkte ich, wie absolut bescheuert das gewesen wäre, denn ICH für meinen Teil hatte vorher noch nie etwas von Inga gehört oder gelesen (man kann ja auch nicht alle kennen) und das wäre also total sinnfrei gewesen. (Die Aktion an sich fand ich keineswegs sinnfrei, sondern sehr schön – bevor ich noch missverstanden werde.) Daraus entnehme ich, dass man wirklich darauf achten sollte, warum man etwas tut und nicht einfach nur mitmachen, weil alle es machen. Insbesondere bei solch ernsten Themen.

    Ich persönlich finde es sehr schön, wenn man zu so einem traurigen Anlass auch öffentlich trauert, einfach um die Person zu „ehren“, die ja auch ihr Leben teilweise öffentlich geführt hat. Auch wenn man nur Facetten kennt – diese Facetten mochte man und das kann man ruhig zeigen. Ich denke, die Familie wird die Blumenaktion sicher „zu schätzen wissen“ (in Ermangelung einer besseren Formulierung) und sich freuen (abermals in Ermangelung eines besseren Worts), dass so viele Menschen an ihre Inga denken – sicherlich nicht sofort, aber im Nachhinein.

  2. Puh, genau so ging es mir gestern auch. Ich habe Inga auch nie persönlich kennengelernt, habe aber ihren Blog gern gelesen und bin ihr auf Instagram gefolgt. Ich habe, glaube ich, nie bei der Aktion #2flowergirls mitgemacht (obwohl ich sie kannte), daher habe ich für mich gestern beschlossen, es jetzt auch nicht zu tun. Was nicht heisst, dass ich was gegen öffentliche Trauer habe. Ganz im Gegenteil.
    Durch einen Todesfall in der Familie im letzten Monat mache ich mir seit einiger Zeit schon Gedanken darüber, was vor allem mit meinem Blog passieren würde. Ich finde den Gedanken an sich schon sehr seltsam. Denn eigentlich gibt es Wichtigeres, denke ich mir. Auf der anderen Seite ist mein Blog ein Teil von mir und er wäre etwas, was bleibt. So ganz klar ist aber auch mir das alles nicht …

  3. das sind sehr gute Gedanken, ein paar davon habe ich mir auch schon gemacht. Was passiert mit dem ganzen digitalen „Müll“ den wir eines Tages hinterlassen werden? Verstopfen wir damit nachhaltig die virtuellen Kanäle oder wird es mal den Job des „Netzaufräumers“ geben, der sich darum kümmert, dass Inhalte nach 20 Jahren gelöscht werden? Komische Gedanken, die wir uns da machen.
    Ich kannte Inga leider auch nicht persönlich, aber ihr Schicksal hat mich sehr berührt, weil die Hoffnung ja bestand, dass sie es schaffen könnte, weil sie ja zwei Spender gefunden hatte. Mich macht so ein Schicksal einfach traurig.
    Liebe Grüße
    Martina

  4. Liebe Sandra, toll geschrieben. Ich hab mich das in den letzten Jahren auch oft gefragt. Leider haben uns in den letzten 1,5 Jahren ja 3 harte Schicksalsschläge getroffen… Mir hat es geholfen, auf meinem Blog auch öffentlich zu trauern. Irgendwie wird dieser geliebte Mensch dann nicht vergessen…
    Aber du hast recht, das muss jeder für sich selbst wissen.

    Allerbeste Grüße
    Jules

    PS: Sehen wir uns auf der BLOGST wieder?

    1. Moin liebe Jules,

      nein, ich bin dieses Mal nicht bei der BLOGST dabei. Vielleicht ergibt sich bald mal eine andere Gelegenheit für ein Wiedersehen. Würde mich jedenfalls sehr freuen!

      Schon mal ein schönes Wochenende!
      Sandra

  5. auch ich habe bei #flowersforinga mitgemacht, aus den gleichen gründen und mit den gleichen fragen in meinem kopf. und auch ohne richtige antworten gefunden zu haben, glaube ich das es der richtige weg war auf diesem weg aus der ferne abschied zu nehmen und weitere fragen darüber hinaus für sich selbst zu beantworten. trauern 2.0 ist mir gerade noch zu abstrakt, da es zu sehr einfluss auf 1.0 nimmt. und was jetzt gerade als antwort vorschwebt, wirft vielleicht bald schon wieder neue fragen auf. – liebste grüße!

  6. ich habe nicht bei der aktion mitgemacht, und zwar eben aus dem grund, dass anteilnahme für mich nichts mit hashtags zu tun hat. ich weiß nicht, das fühlt sich für mich konkret nicht richtig an. aber das ist meine ganz persönliche entscheidung. die beiträge fand ich aber sehr schön und ich finde es auch wichtig, darauf aufmerksam zu machen.

    im falle eines falles möchte ich, dass die kommentarfunktion im blog abgestellt wird, sodass er ein sammelsorium an einfachen DIY anleitungen und gute laune beiträgen bleibt. das bloggen gehört (zumindest momentan) einfach zu meinem leben und ich fände es schade, wenn die ganze arbeit dann umsonst gewesen wäre.

    einen eher privaten blog würde ich löschen lassen.

    liebste grüße und danke dir für den denkanstoß!
    katja

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