Von lungenkranken Schollen und sattgefutterten Seeleuten: „Kombüsengold“ | Ankerherz

Meinen Schwiegervater nannten sie damals nur „Blitz“. Damals, als er gerade mal zwanzig geworden war und in See stach. Als Elektriker war er mit an Bord der riesigen, mit Fracht beladenen Kolosse, die sich geduldig durch die grenzenlosen Wassermengen nach Indien, durch den Persischen Golf oder nach Amerika schoben. Es war nicht immer rosig auf den Frachtschiffen, eigentlich selten. Seine Crew-Mitglieder waren alles andere als zimperlich, als er das erste Mal den Äquator überquerte. Die Taufe, die er empfing, hatte nichts mit liebevollen Team-Ritualen zu tun. Und als er sich einmal nachts im strömenden Regen ungesichert an der Spitze eines riesigen Mastes festklammerte, um Elektrik in Ordnung zu bringen, drückte ein Kollege einfach mal auf die Schiffshupe, die zum Mast gehörte. Tuuuuut! Was wir heute mit Fischbrötchen in der Hand am Hamburger Hafen sitzend als romanisches Signal erleben, das Fernweh weckt, hat damals die Ohren gefährlich klingen lassen und nur dem Glück ist es zu verdanken, dass er nicht vor Schreck den Mast losgelassen hat.

Aber er erzählt auch immer wieder von etwas ganz anderem: von der Schlüsselstellung der Köche an Bord. Von der sinkenden Moral, wenn über Tage nichts Gutes aus der Kombüse kam. Davon, wie er sich gern beim Koch aufgehalten hat und in die Töpfe geschaut hat. Heute kocht mein Schwiegervater von uns allen am Besten – ob das dort seinen Anfang nahm?

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Ein neues Buch des phantastischen Ankerherz-Verlags beweist, dass das durchaus sein kann. „Kombüsengold“ heißt das mit wunderbarer kupferfarbenen Typographie auf exzellent ausgewähltem Papier – edel und doch rau – Kochbuch, das Rezeptsammlung und Seemannsportrait zugleich ist. Mehr noch: Es ist fast so etwas wie eine Sozialstudie. Wie ist das Leben an Bord eines Frachtschiffes? Und welche Rolle nimmt die gemeinsame Mahlzeit dabei ein? Darauf gibt es Antworten in Form von gesammelten Geschichten, Reportagen und Erinnerungen. Und in Form von Bildern des Fotografen Thomas Duffé, der den Mix aus trostloser Kargheit und herzlicher Kochleidenschaft meiner Ansicht nach hervorragend eingefangen hat.

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32 Schiffsköche tischen überraschende und traditionelle, in jedem Fall aber seetaugliche Rezepte auf. Ein Sternekoch hat sie nachgebruzelt: Michael Röhr vom Heidkrug. Seine Tipps und Anmerkungen sind an jedem einzelnen Rezept vermerkt, sein Resümee:

Die Köche arbeiten unter besonderen Bedingungen. Sie können sich oft nur in einem bestimmten Rahmen bewegen. Und sie machen daraus nicht  nur das Beste, sondern oft auch etwas sehr Gutes. Bei ihnen würde ich mich auch gern zum Essen hinsetzen.“

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Einer dieser ehemaligen Köche, die im Buch zu Wort kommen, ist der Cuxhavener Charly Behrensen, der später sogar Kapitän wurde. Das Schiff, auf dem er gekocht hat, liegt mittlerweile restauriert in Hamburg am Museumshafen Ovelgönne: die „Präsident Freiherr von Maltzahn“. Bei der Lektüre seiner Erinnerungen lerne ich, dass der Seemannssonntag der Donnerstag ist und dass Schollen, deren Haut am Pfannenboden kleben bleibt, bei ihm nur als „lungenkrank“ bezeichnet werden. Und es bestätigt sich, was ich von meinem Schwiegervater weiß, wie entscheidend nämlich die Qualität eines Koches für den Frieden in der Crew ist:

„Auf meinem Trawler, der „Stuttgart“, kochte für uns ein guter Mann, der allerdings zwei schwerwiegende Probleme mitbrachte: Kuchen und Fisch. Er servierte keinen Fisch. Ein Schiffskoch auf einem Kutter voller Fischer, der auf den frischen Fang verzichtet, ist wie eine Jukebox ohne Shanty-Musik in einer alten Hafenkneipe. Er ruiniert die Stimmung. Viermal am Tag hätte unser Koch Scholle, Dorsch oder Matjes servieren können, er wäre jedes Mal von unseren Jungs geliebt worden. Stattdessen setzte er uns über Wochen hinweg Hausmannskost vor. (…) Als ich die ersten Anzeichen einer drohenden Lynchaktion bemerkte, verpflichtete ich unseren Küchenchef zu Kochkursen an Land.“

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Es ist ein wirklich schönes Koch-Erinnerungs-Sammelsurium, dieses „Kombüsengold“. Vielen Dank an den Ankerherz-Verlag für dieses Rezensionsexemplar, das nun fest in unsere Strandküche einziehen wird. Ein anderes Exemplar werde ich in den nächsten Wochen kaufen – denn dann hat mein Schwiegervater Geburtstag und ich kann mir eigentlich kein passenderes Geschenk für ihn, den „Blitz“, vorstellen, als dieses. (Bewegtbild-Impressionen gibt übrigens auch in Form eines kleines Instagram-Clips.)

Vielleicht habt Ihr ja auch noch jemanden in Eurer Familie oder in Eurem Freundeskreis, der entweder gern kocht oder eine Seefahrer-Geschichte hat? Vielleicht auch beides? Dann wäre das vielleicht noch etwas für Weihnachten? Oder Ihr lasst es Euch selbst schenken – ich kann es Euch nur empfehlen, sofern Ihr gern in den Flair von Frachtcontainern und schweren, an der Wand schwankenden Pfannen eintauchen möchtet.

Habt ein schönes Adventswochenende!

About Sandra

Ich schreibe hier über drei Dinge, die mich jeden Tag aufs Neue beschäftigen: meine Heimatstadt Bremen, meine berufliche Selbständigkeit und mein Alltag als Mutter eines Kleinkindes. Was mir am Herzen liegt: Euch anzustiften! Zu Unternehmungen an der Weser, zu Mut im Berufsleben und zu einem humorvoll-offenen Herzen für Eure Kinder. Allen Herausforderungen zum Trotz. Dass es nicht immer einfach ist, Familie und Job zu vereinbaren, darum geht es hier nämlich auch ab und zu.

2 thoughts on “Von lungenkranken Schollen und sattgefutterten Seeleuten: „Kombüsengold“ | Ankerherz

  1. Ach wie schön, dass ich dein Blog entdeckt habe! Bremen ist nämlich meine Heimatstadt. Schon seit über 30 Jahren lebe ich fern ab von Meer und Strand in Süddeutschland und bin inzwischen auch dort zuhause (obwohl die Berge immer noch nicht meins sind). Aber lang, lang hat es gedauert, und Heimweh habe ich immer noch. Und so werde ich nun hin und wieder bei dir vorbei rauschen, um mir ein bisschen Luft von „da oben“ zu holen! Danke!
    Viele Grüße aus dem gerade ziemlich grauen Ländle
    Ursel

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