Fertig bin ich doch eh nie. Oder auch: Lasst uns Schluss machen mit der permanente Selbstoptimierung.

Ich hatte dieses Ziel schon immer, seitdem ich Mutter bin noch viel mehr. Schnell zu sein, effizient. Das Maximum aus meiner Zeit rauszuholen. Unnötige Umwege zu vermeiden, mit Multitasking zu punkten. Ich optimiere. Alles. Permanent. Das funktioniert gut. Aber fertig? Fertig werde ich doch nie!

Ich terminiere unsere Waschmaschine vor, damit sie genau dann fertig ist, wenn ich zwischen Job und Kita kurz zuhause bin.

Den Einkauf für drei Mahlzeiten in der Woche übernimmt Hello Fresh für uns und stellt ihn uns vor die Haustür.

Während ich abends das für das Kind und mich das Frühstück für die Kita und das Büro vorbereite, bringe ich mich mit dem Podcast Jung & Naiv zu aktuellen politische Diskussionen auf den aktuellen Stand.

Ich gehe niemals mit freien Händen in den Keller oder in den ersten Stock, sondern trage immer Leergut oder frischgefaltete Wäsche mit mir herum.

Ich lege Arzttermine immer ganz an den Anfang des Tages oder in meine Mittagspause.

Ich schrubbe die Toilette, während das Kind einen Meter weiter ein Bad nimmt.

Ich merke mir schon jetzt Buchtipps, die für den Lütten erst in zwei, drei Jahren aktuell sind, in einer Amazon-Wunschliste (kaufe dann aber lokal!).

Ich schreibe am Sonntagabend eine detailreiche Wochenplanung nieder, damit ich am jeweiligen Tag direkt in die Arbeits-ToDos einsteigen kann und morgen auch weiß, was ich mit dem Lütten am Nachmittag mache und ob dafür besser der Fahrradanhänger vor der Kita oder meine ÖPNV-Karte in der Jackentasche auf uns warten.

Ich verabrede mich mit meinem Mann für eine gemeinsame Mittagspause, damit wir wenigstens einmal in der Woche Erwachsenenzeit mit vier Gehirnhälften haben, die frischer sind als um 21.30 Uhr, wenn meist das erste Mal so richtig Ruhe im Familienleben einkehrt.

Ich beschäftige eine Assistentin, die mir unter anderem Recherchen und Fotobearbeitung abnimmt.

Ich nutze einen Rucksack, in dem mein Laptop Platz findet und der zugleich spielplatztauglich ist, weil man nie weiß, ob man direkt nach der Kita nicht doch noch schaukeln muss.

Ich gehe hin und wieder zu einem Coach, um weigstens dort mal eine Stunde zu haben, in der sich moderiert Gedanken zu aktuellen Fargestellungen sortieren.

Ich bepreche mich mit Katarina via Sprachnachrichten und Trello zu drängenden Podcastfragen.

Ich habe einen festgelegten Termin für meine wöchentliche Yogastunde.

Ich fahre möglichst häufig mit dem Rad zur Arbeit, damit ich zusätzlich noch ein bißchen sportlich in Bewegung bleibe.

Öhm, warum erzählst Du uns all das, Sandra?

Weil ich auf noch mehr Optimieren keine Lust mehr habe. Weil mir vor einigen Tagen klargeworden ist, was für ein Faß ohne Boden das eigentlich ist.

Ich glaube, fast alle von Euch kennen den Wunsch, den Alltag effizienter und mit einem wunderbaren Aufwand-Wirkung-Verhältnis zu gestalten. Wenn Ihr Mutter oder Vater seid, kennt Ihr es garantiert. Aber soll ich Euch was sagen: Eigenlich sind wir alle schon bis in den letzten Winkel durchoptimiert. Wir fallen einfach noch immer auf eine Utopie ein: Dass wir irgendwann am Ende einer Woche alle ToDos durchstreichen könne. Dass wir irgendwann fertig sind.

Wir werden niemals fertig werden! Es sei denn, wie sind Single, kinderlos, im öffentlichen Dienst beschäftigt, haben keine Freunde, kein Hobby und leben auf 10 Quadratmeter. Du bist kinderlos, aber hast Haus und Garten?  Dann weißt Du , wieviel Arbeit es macht, im Sommer alles zu wässern, im Winter endlich mal die überfälligen Renovierungen zu erledigen und das ganze Jahre über alles sauber und in Ordnung zu halten. Du bist Single in einer kleinen 1-Zimmer-Wohnung, aber hast gerade ein kleines DIY-Label gegründet? Du wirst in dieser Situation immer noch ein Event finden, auf dem Du vertreten sein möchtest, oder eine Vetriebsidee prüfen, die Dir gewinnbringende Reichweite verspricht. Du hast eine supertolle Clique, die Dir alles bedeutet? Dann wird Du nach der Arbeit ständig ein Grillfest vorbereiten, ein Geburtstagsgeschenk kaufen oder Liebeskummer trösten.

Du hast nach der Familiengründung wie ich von allem etwas? Jackpot! Dir bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder Du jagst weiter der Utopie des Fertigwerdens hinterher und bist regelmäßig frustriert. Oder Du machst irgendwann Schluss damit, immer noch etwas schneller oder besser machen zu wollen. Denn es geht immer schneller und besser. Es gibt immer noch eine Rezeptidee, die Du noch nicht auspobiert hast, eine Fähigkeit, die Du bei Deinem Kind noch gefördet hast, und eine Stunde Schlaf, die Du zugunsten weitere ToDos streichen kannst.

Und das Allerschlimmste an allem ist ja:  Wann immer durch Alltagsoptimierung zehn Minuten frei werden, füllt man sie wieder mit anderen Dingen, die Kraft und Zeit kosten. Da beißt sich die Katze sowas von kräftig in den Schwanz.

Diese Erkenntnis ist bei mir tatsächlich ganz frisch. Es hat also knapp 38 Jahre Mensch- und 2 Jahre Mutter-Sein gebraucht, bis dieser Aha-Moment auftauchte. Und von der theoretischen Erkenntnis bis hin zur praktischen Umsetzung vergehen sicher auch noch einige Monate / Jahre.

Aber ich möchte Euch gestressten Selbständigen, Euch hadernden Eltern, Euch ambitionierten Grüblern da draußen einfach zurufen:

Macht Schluss mit der ständigen Selbst-Optimierung.

Ihr seid schon die optimale Variante von Euch selbst!

About Sandra

Ich schreibe hier über drei Dinge, die mich jeden Tag aufs Neue beschäftigen: meine Heimatstadt Bremen, meine berufliche Selbständigkeit und mein Alltag als Mutter eines Kleinkindes. Was mir am Herzen liegt: Euch anzustiften! Zu Unternehmungen an der Weser, zu Mut im Berufsleben und zu einem humorvoll-offenen Herzen für Eure Kinder. Allen Herausforderungen zum Trotz. Dass es nicht immer einfach ist, Familie und Job zu vereinbaren, darum geht es hier nämlich auch ab und zu.

4 thoughts on “Fertig bin ich doch eh nie. Oder auch: Lasst uns Schluss machen mit der permanente Selbstoptimierung.

  1. Hallo Sandra,

    ich schreibe diesen Kommentar mit der linken Hand, natürlich mit der linken Hand, denn im rechten Arm schläft meine 7 Monate alte Tochter. Sie mag nicht mehr tagsüber schlafen, es sei denn in meinem Arm. Wahrscheinlich die Zähne, oder ein Schub, oder eine Phase, oder ich habe sie jetzt schon verzogen – Wer weiß das so genau? Letzte Nacht, um 20 nach 3, als ich nach einer der Stilleinheiten durch das schlafende Haus taperte, kam es mir in den Sinn:“ Das wirst du alles niemals schaffen! „. Wenn ich schon an dem Punkt wäre überhaupt ToDo-Listen anzufertigen, sie wären kilometerlang. Und gerade wenn ich das Gefühl habe, ich bekomme irgendwie Routine oder einen Ansatz von Ordnung in unser Leben, dann fällt mir auf, was alles liegen geblieben ist oder vergessen wurde. So zum Beispiel letzten Mittwoch, ich habe einfach „vergessen“ dass wir Mittwoch hatten, Stilldemenz, sofern es diese wirklich gibt, und Feiertage sind keine gute Kombination. Eigentlich müsste ich meine Termine, was schreib ich da – meinen kompletten Kalender, optimieren. Das war schon ohne Kind schwierig. Danke für Deinen aufbauenden Artikel, manchmal ist es einfach gut zu wissen, dass man nicht „alleine“ ist.

    1. Liebe Simone,

      nein, Du bist auf keinen Fall allein! ich nutze für meine ToDo-Verwaltung übrigens den Guten Plan – vielleicht ist der ja auch was für Dich? Links schreibe zu Beginn der Woche ich immer auf, was am Ende der Woche erledigt werden muss, rechts bei den einzelnen Tagen dann kleinteilige Todos und feste Termine. Vielleicht einen Versuch wert?

      Ich wünsche Euch alles GUte und bin sicher, dass Du irgendwann wieder so etwas wie Routine spüren wirst. Spätestens wenn die Kita beginnt. Aber eine leere ToDo-Liste gibt es auch dann nicht. Daran muss man sich wohl einfach gewöhnen.;-)

  2. Liebe Sandra,
    Danke für den Tipp, ich hoffe, dass ich ihn bald umsetzen kann. Aktuell fehlt mir noch die Zeit und wahrscheinlich auch etwas die „Erfahrung“ für ToDo-Listen mit Altlasten; )

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