Urlaubsgefühle bleiben. Oder auch: Kindheitserinnerungen an Kärnten.

Der Sommer 2018 – er wird eindeutig in die Geschichte eingehen als der Sommer, in dem ich die Uhr um drei Jahrzehnte zurückgedreht habe. Der Sommer, in dem ich dank einer langen Büropause und bestem Bremer Wetter einen sanftenn Hauch der Sorglosigkeit spüren konnte, die ich stets in den langen Ferien als Schulkind hatte. Ferien, in denen ich tagsüber im Freibad Pantomime unter Wasser spielte und abends bis zum  Einbruch der Dunkelheit mit Freunden durch die Gegend stromerte. Ferien, in denen ich im knallbunten Badeanzug durch den Rasensprenger sprang und nicht still am Abendbrotstisch sitzen musste, sondern mir meine Eltern eine schnell geschmierten Salamistulle in den dreckigen Händen steckten, damit ich draußen weiterspielen konnte.

Diese Sommer, sie waren auch regelmäßig vom klassischen Familienurlaub zu dritt (jiep, Einzelkind!) geprägt. Und viele viele Male ging es für uns nach Kärnten. In die Nähe von Villach. Nach Kerschdorf. Auf den Bauernhof der Familie Brugger. 1995, vor 23 Jahren also, war ich dort zum vorerst letzten Mal. An diese Reise erinnere ich mich noch recht bildhaft: Wir haben abends Karten gespielt und morgens den Berner-Sennenhund Benno begrüßt. Wir haben Flutschfinger am Pressegger See gegessen und Fritattensuppe in Tratten. Ich trug Radlerhosen und Oversize-T-Shirts, und davon existieren noch Beweise auf einer VHS-Kassette.

Die Erinnerungen an die Jahre zuvor sind bruchstückhafter, je weiter sie zurückliegen. Aber es gibt sie natürlich. Ich erinnere mich, dass viele Kärnten-Urlaube über meinen Geburtstag Anfang August fielen und ich an diesem Tag immer entscheiden durfte, was wir unternehmen. Ich entschied mich oft für den Besuch eines Wasserrutschenparks. Ich sehe vor meinem Auge aber auch noch die Plane eines Restaurant-Außenbereichs am Wörthersee, die sich von Minute zu Minute instabiler unter einem sagenhaften Wolkenbruch mit prasselndem Platzregen wölbte.

Außerhalb meines persönlichen Erinnerungsschatzes, aber gut sortiert in den Schränken meiner Eltern gibt es  noch ganz viele andere Bilder. Fotos. Von der einjährigen Sandra. Der dreijährigen. Der fünfjährigen. Wie sie in einem Buggy, vorm Eifelturm im Minimundus, auf der Schaukel hinterm Kuhstall und auf einer Luftmatraze sitzt. Wie sie sich Kaiserschmarrn schmecken lässt und mit einem Wanderstock auf einen Berg kraxelt.

Ich weiß nicht, ob es bei Euch auch so ist, aber durch mein Leben mit einem Kind fange ich an, meine Kindheit noch einmal zu durchleben. Nur schlaglichtartig zwar, manchmal nahezu nebulös, aber in jeden Fall neugierig und interessiert. Wenn ich jetzt einen Urlaubskoffer für eine Reise zu dritt packe, dann frage ich mich „Was haben meine Eltern damals wohl hineingepackt?“. Wenn ich mit meinem Kind auf einem Bauernhof mit vielen anderen Kindern bin, frage ich mich, was ich wohl auf dem Bauernhof der Familie Brugger gemacht habe, wo nur wir als Gäste waren und lediglich eine ähnlich alte Tochter des Bauernpaars eine Spielgefährtin sein konnte.

Mein Wunsch: Urlaubsgefühle weitergeben

Als wir uns vergangenes Jahr Gedanken zu unserem diesjährigen Urlaub machten, war für mih schnell klar, dass ich mit dem Lütten und meinem Mann zurück in meine Kindheit und damit nach Kärnten reisen möchte. Ich, die es sonst ja so oft ans Wasser zieht. Warum genau? Ich kann es Euch nicht sagen. Es war einfach das warme Gefühl ganz tief unten und hinten in mir, dass das damals schöne Urlaube für mich als Kind waren. Und dieses warme Gefühl wollte ich gern weitergeben.

Denn konkrete Erinnerungen, die kann ich einem Zweieinhalbjährigen natürlich nicht bescheren. Das Tierefüttern auf dem Bauernhof Liendl (Werbung, weil einige Tage Pressereise), der Traubenzuckerlutscher nach jedem Besuch des Karawankenblicks und die fazinierend-großen

Kuhglocken auf der Egger Alm – das alles wird der Lütte nur übers Fotoalbum nachvollziehen können.  Aber darum geht es auch nicht unbedingt. Es geht tatsächlich viel mehr um das, was Bella in einem aktuellen Artikel, den ich Euch an dieser Stelle sehr ans Herz lege, so wunderbar in Worte gefasst hat:

„Wir bereisen mit ihnen die Welt und geben ihnen das Vertrauen, mit uns zusammen eben diese zu entdecken. Denn es ist eine Herausforderung, das Neue zu bestaunen und den Mut aufzubringen, sich in größere Wellen zu werfen als in der heimischen Plansche. Vielleicht erinnern sie sich nicht mehr an die Wellen, aber an den Mut, den sie hatten. Vielleicht bleibt dieser Mut ein bisschen hängen und macht sie so stärker für den Alltag. Den hier zu Hause, denn auch daran erinnern sie sich erst ab einem gewissen Punkt. Details geraten in Vergessenheit, Gefühle nicht.“

Keine Ahnung mehr, wie genau die Straße vor dem Hotel unserer Flittertage in Lissabon aussah oder wie das Fischrestaurant auf Bali hieß, dass ich so gern besucht habe. Details sind selbst bei uns Erwachsenen schnell verschwunden. Wir brauchen sie auch nicht unbedingt. Wichtiger ist selbst bei uns, wie wir uns gefühlt haben. Und um wieviel wichtiger ist das wohl für Kinder?

Ein Wiedersehen nach 23 Jahren

Ich bin also zurückgereist in meine Kindheit. Zehn Tage lang waren wir in Kärnten, einen davon auf der Egger Alm, einem Wander-Ausflugsziel, dass mir mein Vater nochmal empfohlen hat, weil meine Eltern da früher auch mit mir waren. Dass es einer der schönsten Tage für mich war, ist vermutlich mehr Zufall als Schicksal. Schicksalshaft war eher unser Stopp auf dem Rückweg. Denn ohne Ankündigung sind wir nach Kerschdorf gefahren, um zu schauen, ob es dem Bauernhof der Familie Brugger, „meinen“ Bauernhof, noch gibt.

Und was soll ich Euch sagen (wenn ihr es nicht eh beim Instagram mitbekommen habt): es gibt ihn noch – und er sieht fast noch genauso auf wie vor 23 Jahren. Wieder läuft ein Berner-Sennenhund über den Hof, wieder steht der Trecker dort, wo er auch früher stand. Die Gebäude – unverändert. Nur der Baum, unter dem wir immer gefrühstückt haben, musste vor vier Jahren gefällt werden. Und die Schaukel sowie Zimmer zur Miete gibt es auch nicht mehr. Wen es allerdings noch gibt – und das hatte ich nicht zu hoffen gewagt – ist die Familie Brugger. Sogar die Bäuerin, die mich als zahnenden schreiendes Baby erlebt hat, lebt noch auf dem Hof. Und war an diesem Tag sogar da. Damit hatte ich nicht unbedingt gerechnet. Die Freude und das Erstaunen war groß, auf beiden Seiten.

Urlaubsplanung lohnt sich

Emotionale Achterbahnen? Ein großer Flashback? Heilbringende Melancholie? Dem Ende dieser Geschichte stünde es vermutlich gut, dass ich von irgendwelchen großen Gefühlen berichten würde, die der Kärntenurlaub in mir geweckt hat. So hollywood-like war das Ganze allerdings nicht. Es war aber spannend. Richtig spannend. Und es hat mir die Bedeutung von Familienurlauben für Kinder vor Augen geführt. Die müssen nicht Flugstunden entfernt von Zuhause oder mit einem riesigen Entertainmentprogramm verbracht werden. Für viele Familien sind große Urlaub gar nicht drin. Aber Kinder erinnern sich – wie Bella ja so schön festhielt – ja nicht an Details, sondern die Gefühle bleiben. Und die entstehen auch beim Zelten auf dem Campingplatz in nächster Nähe, da bin ich sicher.

Für  Eltern ist Urlaubsplanung anstrengend. Und auch der Urlaub selbst ist mit einem Kleinkind nicht von Entspannung geprägt. Aber der Aufwand lohnt sich. Weil wir etwas aus diesen Zeit mit uns tragen. Etwas, das sich schwer in Worte fassen lässt.

Also höre ich an dieser Stelle auf und ermuntere Euch statt dessen, Euch selbst einmal fragt, an was ihr Euch erinnert, wenn Ihr an die Sommerurlaube Eurer Kindheit denkt. Und wenn Ihr mögt, dann teilt doch die ein oder andere Erinnerung hier mit uns!

About Sandra

Ich schreibe hier über drei Dinge, die mich jeden Tag aufs Neue beschäftigen: meine Heimatstadt Bremen, meine berufliche Selbständigkeit und mein Alltag als Mutter eines Kleinkindes. Was mir am Herzen liegt: Euch anzustiften! Zu Unternehmungen an der Weser, zu Mut im Berufsleben und zu einem humorvoll-offenen Herzen für Eure Kinder. Allen Herausforderungen zum Trotz. Dass es nicht immer einfach ist, Familie und Job zu vereinbaren, darum geht es hier nämlich auch ab und zu.

3 thoughts on “Urlaubsgefühle bleiben. Oder auch: Kindheitserinnerungen an Kärnten.

  1. Wunderschön geschrieben und bebildert und so wahr!
    Diesen Urlaubsbericht/-beitrag habe ich sehr gerne gelesen.

    Liebe Grüße Eva

  2. Liebe Sandra,
    ich merke auch, wie ich mich seit der Geburt unserer Tochter noch einmal in meine Kindheit begebe und mich an vieles zurückerinnere. Im Moment ganz besonders, da wir glücklicherweise einen Krippenplatz für unser Fräulein in „meinem“ alten Kindergarten bekommen haben und es sogar in ihrer Gruppe noch eine meiner Erzieherinnen gibt.

    Was die Urlaube angeht, so fliegen wir im September, dann ist das Fräulein 20 Monate, nach Griechenland. Meine Eltern waren mit mir als ich 15 Monate alt war auf Lanzarote. Und auch wenn ich mir natürlich über die Anreise Gedanken mache, so denke ich doch, wenn die das damals gemacht und geschafft haben, werden auch wir das schaffen. Und ich freue mich drauf, dass das Fräulein etwas Neues kennenlernt, am Strand im Sand buddeln und ins Meer springen kann, im Pool planschen und unbekanntes Essen probieren. Und auch wenn sie sich daran später nicht erinnern wird, hoffe ich doch, dass es sich aufgeschlossen für die Welt macht und ihr Vertrauen in uns stärkt.

    Meine ersten Urlaubserinnerungen beginnen mit einem Gran Canaria-Urlaub mit drei, wo wir in einem Appartementhotel waren und ich jeden Morgen mit meinem Vater Brötchen geholt habe und es mittags Gurkensalat gab. Außerdem habe ich dort mein erstes Silvesterfeuerwerk über einer Bucht gesehen und statt Weihnachtsbäumen gab es geschmückte Palmen. Lustig woran ich mich dank Dir gerade erinnere. Danke Sandra.

    LG Stephanie

  3. Hallo Sandra,
    ich kann dir nur total Recht geben, man muss nicht weit fahren. Wir haben diesen Urlaub dieses Jahr im Garten verbracht, und ich glaube, genau das, was du mit den Gefühlen beschreibst, genau das ist das, was unserer Sohn mitnimmt. Unendlich viel schöne Zeit mit Mama und Papa, am Ende noch mit Oma und Opa dazu. Gemeinsame Nächte unterm Gartenhausdach, wo wir ein großes Matrazenlager haben, und der Sohn trotzdem direkt neben Mama liegen möchte. Wo man drinnen eine Höhle bauen und stehen lassen darf, und draußen in der Sandkiste Treppen und Stauseen (unser Sand sieht aktuell aus wie Nordseesand, so viel Wasser ist drin).
    Ganz oft denke ich an eigene Kindheitsgefühle und Erlebnisse zurück, und erlebe die wieder. Ganz besonders viel Spaß haben wir, wenn wir schwimmen gehen, das ist so herrlich! Ich fühle mich gerade im positiven Sinne wie aus der Zeit gefallen.
    Liebe Grüße
    Nadine

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