Das quälende Gefühl, alles nur ein bisschen zu sein. Oder auch: Gerade hab ich keine Lust auf Vereinbarkeit.

40 Minuten bis ich den Lütten von der Kita abholen muss. Ich stehe zuhause an der Spüle, knalle meine Ohren über Kopfhörer mit Musik zu. Über das dreckige Geschirr rinnt schäumendes warmes Wasser, über meine Wangen salzige Tränen. Ich überlege, noch eben den Staubsauger hochzuholen und zumindest einmal die obere Etage durchzusaugen. Höhnisch lacht mich eine innere Stimme aus: „Hahaha! Als würde das noch irgendwas nutzen.“ Ich schluchze und lege den Lappen zur Seite. Setze mich auf den Küchenstuhl. Und bin erfüllt von einem quälenden Gefühl. Dem Gefühl, alles nur noch ein bißchen zu sei. Und damit in der Summe gar nichts.

Dies ist kein Artikel über Hausarbeit. Dies ist ein Artikel über Vereinbarkeit, die keine ist. Manchmal. An Tagen wie den vergangenen zum Beispiel. An Tagen, an denen man sich plötzlich damit konfrontiert sieht, dass das bisherige geschmeidige Einfügen des eigenen Kindes in einen Teilzeitarbeitsalltag alles andere als selbstverständlich ist.

An Tagen, an denen mein Sohn morgens um 7 Uhr ein verzweifeltes „Mama! Komm!“ in das Facetime-Fester weint, während ich 350 Kilometer entfernt arbeite. An Tagen wie dem heutigen, an denen ich auf dem Weg zur Arbeit umdrehen, weil der Lütte mit der Botschaft, dass Mama schon unterwegs ist, nicht umgehen kann, als er geweckt wird.

Wenn die Vereinbarkeitswaage aus der Balance gerät

Solche Tage sind neu für mich. Meine Vereinbarkeitwaage war bislang hervorragend ausbalanciert. Auf der einen Seite ein über alle Maßen optimierter (Arbeits)Alltag, auf der anderen Seite mein Kind, das keinerlei Hinweise darauf gab, dass ihn unser Familienalltag überfordert. Dass irgendetwas zu viel, anderes zu wenig ist. Seit einigen Wochen jedoch höre ich immer mal wieder „Ich war traurig, weil Du nicht da warst“, wenn ich ihn aus der Kita hole. „Du sollst hierbleiben“, wenn ich ins Büro fahre. Ich reagierte einfühlsam, erklärte, machte aber weiter wie bisher.

Aktuell ist nichts in Balance. Ein vorübergehendes Phänomen vermutlich. Eine der berühmten Phasen, in denen veränderte Bedürfnisse den Ton angeben. Doch wie können wir als Eltern mit solchen Phasen umgehen? Wir können verhandeln: „Wenn Du Dir heute morgen die Zeit nimmst, kannst Du länger im Büro bleiben. Wenn ich heute von zuhause arbeite, muss ich morgen am Feiertag aber ins Büro gehen.“Wir können nichts anderes tun, als berufliche Aufgabenpakete hin- und herzuschieben. Auf den Abend. Aufs Wochenende. Auf halbe Stunden, in denen der andere mit dem Kind auf den Spielplatz geht. Kurz gesagt: Wir können uns nur von der wenigen Zeit nehmen, die eigentlich für die ganze Familie oder die eigene Erholung gedacht ist.

Nein, ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich gebe mein Bestes – im Rahmen der Umstände. Aber jetzt gerade wünsche ich mir andere Umstände. Den Umstand, den Lütten an solch einem Dienstag nicht in die Kita zu bringen, sondern zuhause mit ihm im Schlafanzug Bücher lesen zu können. Weil niemand auf eine Mail von mir wartet oder einen Termin mit mir hat. Weil mir beim Lesen nicht zig Dinge durch den Kopf schießen würden, die dadurch zu kurz kommen.

Der Wunsch nur eines zu machen. Und das richtig!

Ich wünsche mir andere Umstände, ja. Die anderen Umstände werden (zurück)kommen: Der Lütte wird irgendwann wieder seinen Frieden mit dem bekannten Alltag schließen. Zu bekannter Form außerhalb von Krankheitsnachwehen, Autonomiephase und besondere Mama-Sehnsucht zurückkehren. Anders formuliert: Er, der kleinste in der Familie, wird einen großen (vielleicht sogar den größten) Anteil daran haben, dass wir Beruf und Familie unter einen Hut bringen. Und ich frage mich, ob das nicht ganz schön viel Verantwortung für so einen kleinen Menschen ist.

Ich sitze auf dem Küchenstuhl. Halb Mutter, halb Selbständige. Ein bißchen Bloggerin, ein bißchen Hausfrau. Von allem etwas, aber nichts ganz. Sehne mich danach, auszusteigen aus dem Vereinbarkeitshamsterrad. Nur noch Mutter sein zu dürfen. Nur eine Sache zu machen, die wichtigste. Und zwar ganz.

Ja, ich liebe es zu arbeiten. Aber in diesem Moment auf dem Küchenstühl, während das Geschirr an der Spüle trocknet und aus den zur Seite gelegten Kopfhörern dumpf Melodien zu mir herüberwehen, ist das alles nur noch eine riesige quälende Belastung. Eine Sache, die es mir nicht ermöglicht, für mein Kind da zu sein, wenn es das braucht.

About Sandra

Ich schreibe hier über drei Dinge, die mich jeden Tag aufs Neue beschäftigen: meine Heimatstadt Bremen, meine berufliche Selbständigkeit und mein Alltag als Mutter eines Kleinkindes. Was mir am Herzen liegt: Euch anzustiften! Zu Unternehmungen an der Weser, zu Mut im Berufsleben und zu einem humorvoll-offenen Herzen für Eure Kinder. Allen Herausforderungen zum Trotz. Dass es nicht immer einfach ist, Familie und Job zu vereinbaren, darum geht es hier nämlich auch ab und zu.

10 thoughts on “Das quälende Gefühl, alles nur ein bisschen zu sein. Oder auch: Gerade hab ich keine Lust auf Vereinbarkeit.

  1. Liebe Sandra,

    ich habe nicht einen sinnvollen Tip o.ä. Mich würde es genau so zerreißen. Mir wurde schon beim Lesen ganz anders. Ich sende dir eine große Umarmung und ganz viel Kraft von der anderen Weserseite rüber.

  2. Liebe Sandra,
    hier ist es häufig auch so. So richtig angekommen ist unsere Tochter in der Krippe noch nicht. Häufig höre ich direkt nach dem Aufstehen „Mama, Zuhause bleiben.“ Es zerreißt einem manchmal wirklich das Herz, aber man kann nichts weiter tun. Mein Mann und ich müssen pünktlich zur Arbeit. Umso mehr Kuschelzeit wir morgens einplanen, umso schwerer wird sogar häufig der Abschied. Ich bin ehrlich gesagt sehr froh, dass in fünf Wochen mein Mutterschutz beginnt. Auch wenn natürlich der neue Zwerg für viel Trubel sorgen wird, stelle ich es mir sehr schön vor, wenn man einfach mal spontan sagen kann, „heute bleibst du auch Zuhause“, oder einfach das Abhetzen am Morgen entfällt, und man die kleine Große eine halbe Stunde später in die Krippe bringt. Halte durch! Es wird bestimmt wieder besser werden.

    1. Danke für Deine Worte, Lena! Ich wünsche Euch weiterhin eine gesunde gute Zeit – und dass Du die zweite Elternzeit so richtig genießen kannst. Mit Deinen Erfahrungen jetzt kannst Du darauf bestimmt nochmal ganz anders blicken!

  3. Fühle mit dir. Mensch hat halt nur ein Zeit und Energiekonto. Unserer ist grad 3 1/4 und Kita wird grad von uns allen gelernt. Gottseidank mit Job nah rann und freizügigen Arbeitgebern bei uns beiden. Aber es vergeht kein Tag an dem ich nicht daheim bleiben wollen würde. Es bleibt viel Kompromiss.

  4. Ach schau, da entdecke ich doch jetzt erst deinen Blog! Was ist mir da bisher nur entgangen?! Ich folge ab sofort! 🙂

    Deine Themen sind ja auch meine Themen. Und da mein Großer jetzt schon 5 ist, muss ich leider sagen: Es wird auch mit dem Alter der Kinder nicht unbedingt einfacher. Bei uns zumindest nicht. Ich fand es sogar einfacher, als das Hübchen noch kleiner war. Manchmal habe ich rückblickend ein schlechtes Gewissen, weil er früher vielleicht einfach nur nicht so klar kommunizieren konnte, dass er lieber mehr Zeit mit uns verbringen will. Gleichzeitig war er aber immer sehr glücklich in der Betreuung und zieht das Spielen mit Kindern auch uns Eltern vor… Naja, schlechtes Gewissen bringt rückblickend ja eh nichts. Dafür schauen wir halt jetzt, dass wir auf seine Bedürfnisse so oft es geht eingehen, ihn z.B. auch mal aus der Kita lassen, wenn er das akut will (was zum Glück nicht oft vorkommt).

    Und mit der Kleinen war es ja sogar noch extremer: Die war mit einem Jahr einfach noch gar nicht reif für die Betreuung und ist daher ungeplant das zweite Jahr Zuhause. Kommt halt nicht immer alles wie geplant. Und wir gehen dafür umso häufiger auf dem Zahnfleisch…

    Aber am Ende denke ich immer, dass es sich lohnen wird! Für uns, weil wir glücklicher sind dank unserer Arbeit und auch finanziell unabhängig vom Partner. Und auch für unsere Kinder, weil wir ihnen Gleichberechtigung und Unabhängigkeit vorleben und sie zur Selbstständigkeit erziehen.

    1. Liebe Sophie,

      wie schön, dass Du bei mir gelandet bist. Deinen Newsletter habe ich auch jüngst abonniert 😉

      Die Sache mit der klaren Kommunikation, die ist in der Tat tricky. Gerade innerhalb der terrible two fällt es schwer zu unterscheiden, was „nur“ Autonomiebestreben und Übung für den eigenen Willen ist – und was ein wirklich tiefes Grundbedürfnis. Schwierige Kiste!

  5. Alles nur ein bißchen. Das trifft es auch bei mir auf den Kopf. Sehr schön geschrieben, mir geht es ganz ähnlich.

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