WORK IS NOT A KINDERSPIEL #13. Oder auch: Interview mit Zsu von „Rocco und seine Freunde“ [inkl. Verlosung eines Familien-Shootings]

Pulsierendes Nachtleben und schräge Kunst – das waren die Inhalte der fotografischen Arbeit von Zsu Szabo, bevor sie Mutter wurde. Mit der Geburt ihres Sohnes Rocco begann dann ihre Reise zu sich selbst, die auch ihren Beruf verändert hat. Waren ihre Aufnahmen früher wild, energiegeladen und oft von einer rasenden Geschwindigkeit geprägt, kommen sie heute deutlich entschleunigt daher. Statt Szenetypen in Clubs fotografiert sie nun Familien in ihrem Zuhause. Mindestens vier Stunden lang, manchmal sogar ein ganzes Jahr. Ich habe mit der Berliner Kinder- und Familienfotografin über ihren Alltag als Alleinerziehende und ihren beruflichen Antrieb gesprochen. Und über selbstlose Liebe.

Zsu Szabo über den Einfluss ihrer Mutterschaft auf ihre künstlerische Arbeit

Foto: Markus Lang

Liebe Zsu, Du bist vor vier Jahren Mutter geworden, von Anfang an warst Du alleinerziehend. Du hast mir erzählt, dass die ersten zwei Jahre mit Rocco eine unfassbar anstrengende Zeit waren. Kannst Du einmal skizzieren, wie Dein Alltag mit Kind und Fotojobs am Anfang aussah? Hast Du in der Zeit überhaupt gearbeitet?

Das erste Jahr war ebenso schön wie auch neu und schwer. Dadurch, dass ich alles alleine gemacht habe, kam ich kaum dazu, mich zu erholen. Ich war schon froh über ein paar ruhige Minuten in der Dusche. Kaum Schlaf, eine völlig fremde Situation, in die ich mich eingrooven musste. Ich habe mir die Mutterschaft keineswegs romantisch vorgestellt, aber es war heftig. Rocco war von Anfang an ein Kind, das insgesamt mit weniger Schlaf auskam, und somit war der Tag nonstop voll.

Die selbständige Arbeit war auf dieser Basis kaum zu machen. Ich bin sowieso jemand, der sich am liebsten auf eine Sache konzentriert. Mit Baby auf dem Arm konnte ich die Fotojobs nur zum Teil machen.

Wie hat sich die Dauer-Belastung auf die Beziehung zu Deinem Sohn ausgewirkt?

Mein Sohn hat natürlich mitbekommen, wie müde und fertig ich war. Einerseits körperlich – in den ersten zwei Jahren kam der Krankenwagen zwei Mal vorbei. Andererseits war der psychische Stress enorm. Nicht nur, dass die ganzen Pflichten, Verantwortung, Erledigungen…. meine waren. Ich hatte auch schwer dran zu knabbern, dass ich mein früheres Leben, das frei und unorthodox war, verabschieden musste. Ich hatte kaum bis gar keine Zeit für mich. Rocco hat feine Antennen und das anfänglich glückliche Baby war öfter mal unruhig und hatte zeitweise Schlafschwierigkeiten.

Als auch der Kita-Start keine spürbare Entlastung brachte, hat es bei Dir irgendwann „klick“ gemacht. Es sollte sich etwas ändern. Wie bist Du das angegangen?

Von der Kita habe ich Entlastung erhofft, doch, wie so viele Kleinkinder, wurde mein Sohn ständig krank. Bis er letztes Jahr operiert wurde, waren wir im wöchentlichen Rhythmus beim Arzt.

Die Veränderung kam durch einen Fotowettbewerb, wo ich u.a. die Gefühle meiner Mutterschaft zum Thema machte. Die dunklen Bilder trieben mich dazu, mich damit richtig auseinanderzusetzen. Das brachte mir eine Erkenntnis: Ich alleine bin dafür verantwortlich, wie unsere Beziehung ist. Ein Kind kann nichts dafür. Das Kind ist der perfekte Spiegel für das Verhalten der Erwachsenen.

Ich muss immer nur Rocco anschauen und kann dann darauf schließen, wie ich mich in letzter Zeit zu und vor ihm verhalten habe. Diesen Satz habe ich schon früher verstanden, aber ums Verstehen allein geht´s nicht. Man muss es fühlen und verinnerlichen. Schöne, warme Gedanken zu haben ist zwar toll, aber wenn man sie nicht in liebevolles Verhalten (Handlung) umwandelt, nutzen sie herzlich wenig.

Ab da war ich auf der Lauer, um die Fehler bei mir auszumachen. Wie jeder Mensch, habe ich ein Gewissen. So musste ich lediglich die Bereitschaft haben, dessen lauten Ton hören zu wollen. Ich beobachtete, warum Konflikte entstehen und wie ich sie – anders – angehe. Ich habe akzeptiert, dass es völlig normal ist, wenn zwei verschiedene Menschen unterschiedlicher Meinung sind. Ich versuchte Roccos Bedürfnisse zu verstehen und nicht „das Böse“ hinter seiner Tat zu sehen. Ohne Verständnis keine Lösung. Ich will mitfühlend und respektvoll sein. Wenn ich mich doch noch mal  aufrege, beruhige ich mich sehr schnell. Danach entschuldige ich mich für meine Art. Das wirkt auch auf Rocco aus – er hat sich neulich entschuldigt, als er merkte, dass die Hysterie, die er vom Zaun gebrochen hat, völlig unnötig war.

Dein neuer Blick auf das Leben und vor allem auf das Leben mit Kind hat dazu geführt, dass Du Dein Arbeitsportfolio völlig neu aufgestellt hast: Du fotografierst nun Langzeit-Familienreportagen. Wie erlebst Du den Alltag anderer Familien?

Das Schöne ist, dass der Satz „Gleiches zieht Gleiches an“   stimmt. Seitdem ich mit meinem Leben zufrieden bin und ich es nicht mehr eilig habe, begegne ich Menschen mit einer ähnlichen Auffassung. Meine Bewusstwerdung geht mit einer gewissen Entschleunigung und Gelassenheit einher. Ich weiß: ich kann nichts verpassen – ausser mich selbst.

Mein fotografisches Konzept resultiert aus meiner Lebensweise. Das zieht die Menschen an, die ich gern ansprechen möchte. Diese Menschen verstehen meine Sprache ohne lange Erklärungen.

Erzählen Dir die Eltern auch von den Schwierigkeiten, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen?

Ja. Aber sie erzählen diese nicht als extreme Besonderheiten. Sie nehmen sie ruhig als normale Gegebenheiten hin, die mit einer Elternschaft einhergehen. Völlig undramatisch, dafür meistens lösungsorientiert und konstruktiv. Womöglich kommt diese Entspanntheit daher, dass sie reflektiert sind. Auch, dass sie meistens der Arbeit nachgehen, die sie sehr mögen.

Würdest Du sagen, dass frischgebackene Eltern die ersten Monate unbedingt dafür nutzen sollten, ihre bisherigen beruflichen Ziele oder Arbeitsweisen nochmal zu hinterfragen? Könnten einige Probleme der Vereinbarkeit vielleicht auch damit zu tun, dass Männer und Frauen an Arbeitsinhalten und –Rahmenbedingungen festhalten, die einfach nicht zu den emotionalen Bedürfnissen und den Wertesystemen von Väter und Mütter passen – jedenfalls nicht, wenn sie eine gesunde Beziehung zu ihrem Kind aufbauen wollen?

Ich möchte niemandem nichts raten, oder meine Erfahrungen auf andere drüber stülpen. Ich hinterfrage mich fortwährend. Das ist für mich unerlässlich geworden, wenn ich glaubwürdig und anständig durchs Leben gehen möchte. Ich finde eine seelische und geistige Elastizität wichtig. Dass ich keine starren Pläne und dogmatische Regeln verfolge, sondern mich immer wieder der Situation entsprechend neu ausrichte.

Eine gesunde Beziehung zu sich, seinem Kind und anderen braucht, dass man lernt, wie man liebt. Wahrscheinlich schreien jetzt alle, „So ein Schmarrn, aber ich weiß doch, wie man liebt!“ Ich rede jetzt weder von dem sentimentalen Gefühl, noch von der Versorgung der Kinder, sei sie noch so luxuriös. Darf ich Buchempfehlungen machen? Erich Fromm „Die Kunst des Liebens“ oder ungefähr alles von Jesper Juul.

Liebe ist kein Gefühl. Sie ist Arbeit. Sie zeigt sich in unserem Verhalten zu uns und anderen. Sie ist verlässlich, selbstkritisch, wohlwollend, verantwortungsvoll, wertschätzend… Sie gibt Sicherheit, Wärme, Respekt. Sie manipuliert und spielt nicht. Sie will nicht gewinnen. In reiner Form ist sie selten zu finden.

Zwischen vielen Eltern und Kindern hat dieses für die Liebe geglaubte Gefühl so lange „Bestand“, bis die Kinder ihren eigenen Willen durchsetzen wollen. Die Liebe zeigt sich am besten im Umgang mit Konflikten. Ich musste sehr viel lernen, wie es geht, zu lieben. Und dieses Lernen hört nie auf. Wenn ich eine schlechte Phase habe, ist es umso schwerer diszipliniert zu sein – was einen großen Anteil an der Liebe hat. Aber in letzter Zeit kann ich behaupten, dass ich eine sehr gute Mutter war. Morgen ist ein neuer Tag. Dann geht es von vorne los.

Dein Sohn geht werktags in die Kita. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass Du Familien nachmittags oder am Wochenende, wenn die jeweiligen Eltern nicht arbeiten müssen, fotografisch begleitest. Wie löst Du die Betreuungsfrage?

Gott sei Dank haben die Familien an den Wochentagen Zeit – viele Eltern sind selbständig. Wenn es mal nicht so sein sollte: inzwischen habe ich eine Handvoll fantastischer Menschen, die gern mit Rocco Zeit verbringen und mit denen er sich super wohl fühlt. An dieser Stelle danke an meine Eltern und unsere lieben Freunde!

Mit Deinen Fotos verfolgst Du eigenen Angaben zufolge eine Vision: dass jedes Kind eine geschützte, glückliche Kindheit mit bedingungsloser Liebe erfährt. Warum bewegt Dich das so sehr?

Einmal fuhr ich lange mit dem Bus. Mir gegenüber saß eine Mutter mit zwei Töchtern – die große war drei, die kleine ein Baby. Die Große muss etwas in ihren Augen Schlimmes getan haben, denn die Mutter hat sie weitgehend ignoriert. Dem Baby wandte sie sich übertrieben lachend zu, als wollte sie der großen Tochter damit wehtun. Das Mädchen hat zig Versuche unternommen, die Mutter zu besänftigen. Sie suchte den Blickkontakt und nahm immer wieder ihre Hand. Ich überlegte etwas zu sagen, aber ich mischte mich nicht ein. Das brach mir das Herz.

Wenn es in dieser Familie oft so ist – davon gehe ich aus, denn diese Kälte empfand ich nicht situationsbedingt – dann frage ich mich, was für eine Frau aus diesem Mädchen wohl werden wird. Auch aus dem Baby, denn sobald es auch einen freien Willen äussert, kommen wahrscheinlich auch Konflikte auf.

Dem Mädchen wurde in diesen paar Minuten beigebracht, dass sie „nicht ok“ ist. Dass sie bestraft wird, wenn sie sich nicht benimmt. Mit Liebesentzug, Ignoranz, Kälte. Was sind die Botschaften? Du bist nicht ok, so, wie Du bist. Du musst tun, was andere wollen, damit Du geliebt wirst. Vielleicht wird sie Bindungsangst haben, oder wird abhängig von Beziehungen sein, weil sie nicht loslassen kann. Eifersucht, Selbstzweifel aus Mangel an Selbstwertgefühl, um nur ein paar Möglichkeiten zu nennen. Nicht missverstehen, es geht nicht um Schuld. Wenn die Mutter sich so kalt verhält, möchte ich nicht wissen, wie ihre Eltern zu ihr waren.

Kinder sind den Erwachsenen ausgeliefert. Sie sind Schutzbefohlene. Dieses Wort ist sehr bildhaft und auf den Punkt. Wenn man ihre Abhängigkeit mit Ignoranz, Kälte, Macht, etc… missbraucht, werden sie zu tief traurigen Menschen. Eine gute Basis für alle Arten von Sucht und Abhängigkeiten, übermäßiges Konsum, schlimme Partnerwahlen, ein ähnlicher Umgang mit ihren eigenen Kindern etc… So ein Mensch muss irgendwann mit großer Kraftaufwand die Entscheidung treffen, es doch anders zu machen. Diese Veränderung ist langwierig und schwer, und braucht meistens einen guten Helfer. Die meisten versuchen es gar nicht erst.

Wäre die Welt voll von Menschen, die geliebt worden sind, ergo wüssten sie auch, wie man selber liebt, wäre die Welt anders. Ich könnte jetzt sagen, es gäbe keinen Krieg, klar. Aber fangen wir mit einer „Kleinigkeit“ an: es gäbe keine seelische Manipulation. Das wäre mal ein Ding, oder? Wenn Dir jemand sagt: „Ich finde Dich gut“ – und er würde es genauso meinen. Wir würden es glauben, ohne uns zu fragen: „Meint er das sicher so?“ oder „Warum sagt er mir das, was will er von mir?“ – das wäre auch ziemlich ökonomisch, denn wie viel Zeit vergeuden wir mit solchen Hintergedanken.

Inszenierte Bilder gibt es von Dir nicht. Erzähl mal, warum Du davon Abstand genommen hast.

Die inszenierten Fotos machte ich zu einer Zeit, in der ich mich selber inszeniert habe: ich habe jemand anderen gegeben, als ich es war. Ich mochte mich nicht. Als ich für mich ausformuliert habe, dass ich Reportagen und Dokus mag, wurde mir klar: mit der Akzeptanz meiner Selbst kam auch die Faszination für das, was da ist. Ohne das beschönigen, in irgendeiner Weise verfälschen zu wollen. Wenngleich mir klar ist, dass auch jetzt alles durch meine eigenen Filter gejagt wird.

Wenn ich Deine oder vergleichbare Fotostrecken anschaue, frage ich mich immer, ob man Fotograf*innen wie Dich auch buchen kann, wenn man keine minimalistisch-skandinavische Einrichtung oder einen lichtdurchfluteten Bremer Altbau bewohnt. Kann man?

Haha, die Frage ist lustig und irgendwie obligatorisch – aber ja, natürlich!

Mich interessieren die Menschen dahinter und nicht ihre Einrichtung. Wie schon oben gesagt glaube ich, dass ich die mir ähnlichen Menschen anziehe und umgekehrt. Natürlich habe ich eine Präferenz, denn ich liebe Minimalismus und lebe möglichst reduziert. Aber ich möchte die Menschen sehen. Es interessieren mich alle Lebenskonzepte, Lebensstile, die Menschen nur haben können. Ausserdem ist das alles eine Frage des Bildausschnitts und der Perspektive, des Lichts, usw.

Meine Augen mögen es ruhig und fokussiert. So schaffen sie mir den passenden Rahmen auch in einer für mich überfüllten Wohnung.

FAMILIENSHOOTING ZU GEWINNEN

Wenn Ihr mehr über Zsu und ihre Arbeit, die augenscheinlich kein Beruf sondern Berufung für sie ist, wissen möchtet, dann schaut einmal auf ihrer Website vorbei. Und wenn Ihr danach genauso beeindruckt seid, wie ich es war, dann solltet Ihr unbedingt in meinem Instagram-Feed vorbeischauen. Dort gibt es nämlich ein vierstündiges Familienshooting mit Zsu zu gewinnen.

Was Ihr dafür tun müsst?

  1. Veröffentlicht ein Foto bei Instagram, das Eurer Ansicht nach das Wesen Eurer Familie am treffendsten abbildet. Es müssen keine Kinder darauf zu sehen sein, es sollte aber eine echte Alltagssituation sein.
  2. Verseht das Bild mit dem Hashtag #roccoundwortkonfetti, und taggt es mit @roccoundseinefreunde sowie @wortkonfetti, damit wir es auch finden.
  3. Folgt @roccoundseinefreunde und @wortkonfetti, wenn Ihr es nicht ohnehin schon tut.

Wir sichten alle bis zum 15. März veröffentlichten Fotos und wählen unsere beiden Favoriten aus. In meinen Stories könnt dann Ihr alle da draußen abstimmen, welches Foto gewinnt und welche Familie im Sommer 2019 von Zsu begleitet wird.

Ihr habt Lust auf noch mehgr Interviews aus der Reihe WORK IS NOT AKINDERSPIEL. Dann biette hier entlang: Interviews Selbständigkeit & Kind

About Sandra

Ich schreibe hier über drei Dinge, die mich jeden Tag aufs Neue beschäftigen: meine Heimatstadt Bremen, meine berufliche Selbständigkeit und mein Alltag als Mutter eines Kleinkindes. Was mir am Herzen liegt: Euch anzustiften! Zu Unternehmungen an der Weser, zu Mut im Berufsleben und zu einem humorvoll-offenen Herzen für Eure Kinder. Allen Herausforderungen zum Trotz. Dass es nicht immer einfach ist, Familie und Job zu vereinbaren, darum geht es hier nämlich auch ab und zu.

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