Wie sag ich es den Kindern? Oder auch: Ab aufs Land #2

Wir Großen in der Familie, wir wissen schon seit Mitte Februar, dass es raus aufs Dorf geht. Unsere beiden Kinder, die wussten es anfangs nicht.  Wann und wie sagt man es dem Nachwuchs am besten? Das war eine Frage, die mich durchaus beschäftigt hat. Ein kleiner Text dazu, warum wir es gemacht haben, wie wir es gemacht haben.

Dass Raketenkind T. überall durchkommen wird, steht außer Frage. Echte Sorgen hat mir bei dem Thema Umzug der Große gemacht. R. ist immerhin schon vier. Im Sommer wird er fünf. Seine Leben in Bremen ist voll wichtiger Anker, die wir ihm mit dem Umzug einfach wegnehmen – in erster Linie den Kindergarten und die Freunde dort. Mir war es wichtig, ihn erst zu informieren, wenn wir auch wissen, wie die Betreuungssituation am neuen Standort aussieht. Ein “Wir ziehen um, aber keine Ahnung wo du dann bist, wenn wir arbeiten” wollte ich  vermeiden.

Ärgerlicherweise kauft man ja mit dem Haus keinen KiTa-Platz dazu. Entsprechend gab es eine Phase der Ungewissheit. Und die war es, die es interessant gemacht hat. Denn sein Kind anlügen, will man irgendwie auch nicht. Aber ganz ohne Notlüge ging es nicht.

Notlügen

Eine konkrete Anekdote: Eines Tages fragte mich R., der Große: “Mama, auf welche Grundschule komme ich eigentlich?” Zack – da saß ich in der Falle. Ich wusste, dass er in Lemwerder auf die Grundschule gehen würde. Diese Nachricht kann man seinem Kind ja aber nicht einfach so hinschmeißen. Also sagte ich vorsichtig: “Wir wohnen im Einzugsgebiet der Grundschule in der Kantstraße. Aber du weißt ja, dass Papa und ich ein Haus mit Garten auf dem Land suchen.”

Luftholen.

Dann: “Es kann also sein, dass du vielleicht gar nicht in Bremen, sondern ganz woanders auf eine Schule gehst.”

Zuversichtlich Lächeln.

“Aber das ist ja noch lange hin. Du bist ja erstmal noch ein Kindergartenkind.“ R. überlegte eine Weile und sagte dann: “Das ist ok.”

Erleichtert aufatmen.

“Aber ich will erst umziehen, wenn ich in die Schule komme. Auf KEINEN FALL vorher.” Zack – da saß ich das zweite Mal in der Falle. Der Kaufvertrag war schließlich schon unterschrieben. Es würde AUF JEDEN FALL vorher den Umzug geben.

Tränen

Ich nahm meinen großen Jungen auf den Schoß und sagte: “Das kann ich dir nicht versprechen. Das kommt ganz darauf an, wie schnell wir ein Haus finden. Es kann sein, dass du noch eine Weile auf dem Dorf in einen schönen Kindergarten gehen wirst.” Das war der Moment, in dem die Tränen flossen. Laut und mit aller Macht. Und ich hatte das Gefühl, das irgendwie nicht gut gemacht zu haben. Ich tröstete eine Weile, wartete ab und fragte dann, was denn daran so schlimm sei. Es gäbe doch so viele schöne Kindergärten. Bei der Antwort musste ich mir dann wirklich das Lachen verkneifen: “Dann sehe ich D. gar nicht mehr jeden Tag”, brüllte es aus R. heraus. D. ist nicht etwa die Erzieherin der Herzen oder der beste Kumpel. Nein, D. ist der FSJler, der mit großer Wahrscheinlichkeit den Kindergarten sowieso im Sommer verlässt. Auch wenn mir klar ist, wie sehr mein Großer an ihm hängt, ich hatte mit Schlimmerem gerechnet.

Seit dem Ausbruch thematisierte ich das Thema Umzug immer mal wieder . Gut dosiert, nicht zu viel. Aber so, dass R. schnell klar wurde, dass wir intensiv auf der Suche nach einem neuen Haus sind. Im Hintergrund rotierte ich wie eine Irre, auf der Suche nach einem Kindergartenplatz, um dieser Farce endlich ein Ende zu bereiten. Dann kam der erlösende Anruf! R. bekommt einen Platz in der Kita in Lemwerder und mit großer Wahrscheinlichkeit kann T. zu einer Tagesmutter gehen.

… und Gelächter

Endlich konnten wir unseren Kindern sagen: “Wir ziehen um”. Die Reaktion des Großen war unbezahlbar: “Habt ihr endlich was gefunden?”, rief er aus und lachte laut los. “Ein großes Haus mit Garten?” Auf unser “Ja!” kam noch mehr Gelächter. Unser sensibler Sohnemann wirkte einfach nur erleichtert. Endlich wusste er was los war. Warum wir wochenlang so geheimnisvoll gewesen waren und zu komischen Tageszeiten seltsame Termine hatten. Endlich hatte er Gewissheit, wohin die Reise gehen würde.

Zwanzig Minuten später fuhren wir zum Haus. Die Kinder suchten sich ihre Zimmer aus und tobten durch den Garten. Es war ein wunderbarer Tag, an dem sich alles richtig angefühlt hat.


Mit Kindern über Umzug sprechen: Unser Weg

  • Erst die Betreuungsfrage klären.
  • Bis dahin schon sanft auf die Möglichkeit eines Umzugs vorbereiten.
  • Thema dosiert wiederholt ansprechen.
  • Mit der News des Umzugs auch sofort das Haus zeigen – damit das neue Zuhause kein großes Mysterium bleibt.

Welchen Weg seid Ihr gegangen? Wann habt Ihr es den Kindern gesagt? Gab es anschließend vielleicht Rituale, die den Übergang erleichtert haben? Ich freue mich über Eure Erfahrungen und Tipps in den Kommentaren!

>>ALLE BEITRÄGE AUS DER REIHE „AB AUF´S LAND“

About Meike Lorenzen

Meike liebt Bremen, zieht aber dennoch weg aus der Hansestadt. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge geht es aufgrund der urbanen Wohnungsnot in die Wesermarsch. Als vierköpfige Familie. Wie es ist, Abschied zu nehmen, was der Umzug für die Kinder bedeutet und wie das Pendeln zur Arbeitsstelle in Bremen zum bisherigen Vereinbarkeits-Rhythmus passt – darüber schreibt Meike einmal im Monat in der Kolumne „Ab auf´s Land“.

6 thoughts on “Wie sag ich es den Kindern? Oder auch: Ab aufs Land #2

  1. Das erinnert mich an unseren Umzug vor zwanzig Jahren. Wir waren schon eindeutig älter und wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Während es für mich völlig in Ordnung war, dass wir aus Südhessen nach Nordfriesland ziehen werden und ich nach den Sommerferien auf das Gymnasium dort wechseln werde, war es für meine Bruder ein großes Drama. Weg von seinem besten Freund und Cousin, mitten in der Grundschule die Schule wechseln, da konnte nichts trösten.
    Aber es war sehr gut, dass sie das damals für uns so entschieden haben.

    1. Oh je… Das klingt aber schon traurig. Hoffe sehr, dass wir schnell und ohne große Dramen gut ankommen. LG

  2. Hört sich total vernünftig an, wie ihr es gemacht habt. Ich selbst musste in meiner Schulzeit umziehen in einer denkbar ungünstigen Zeit: 13 war ich. Für mich ist die Welt zusammen gebrochen. Im Nachhinein bin ich dankbar für diese Erfahrung, sie hat mich als Jugendliche selbstbewusster gemacht. Am ersten Schultag in der neuen Schule war mein Schmerz auch schon wieder vergessen, denn ich wurde super aufgenommen.
    Je jünger die Kinder sind, desto leichter fällt ihnen so ein Wechsel, denke ich. Sie leben einfach viel mehr im hier und jetzt.
    Trotzdem super, dass ihr so behutsam damit umgegangen seid. Alles richtig gemacht!! Und: toitoitoi!!

  3. Uns steht ebenfalls der Umzug aufs Land bevor. Unsere Tochter wird erst 3, aber wir versuchen auch sie Stück für Stück vorzubereiten.
    Ich hoffe die Freude ist dann ebenfalls groß. Es klingt gut, so wie ihr es gelöst habt.
    Viel Erfolg weiterhin für euren Umzug.

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