Pho Viet in der Überseestadt: Kabelsalat und Erinnerungen an Bali

Auch wenn die Bremer Überseestadt oft noch als „ausgestorben“ charakterisiert wird, in Sachen Essen und Trinken kann man meinem geliebten Hafen-Stadtteil keine Leblosigkeit vorwerfen. Ganz im Gegenteil: Diese Liste mit Restaurants und Cafés demonstriert eindrucksvoll, wie groß die Auswahl ist. Currywurst? High Class-Menü? Oder eine super Pasta in der Mittagspause? Alles da!

Ein Restaurant, das auf den ersten Blick mit seinem Maschendrahtzaun umzäunten, unbefestigten Parkplatz und der improvisierten Bretteroptik so gar nicht in den Ortsteil passen will, ist das Pho Viet. Jahrelang bin ich an dem asiatischen Bistro (ehemals „Mekong“, wenn ich mich recht erinnere?!) vorbeigefahren und habe mich gefragt, ob das ERNSTHAFT ein Ort ist, an dem ich a) etwas zu essen bekomme und b) an dem es überhaupt eine gute Idee wäre, etwas zu mir zu nehmen. Und wie ich den Instagram-Kommentaren unter einem Foto auf meinem Kanal entnehmen konnte, geht es auch anderen Bremern so. Es brauchte bei mir daher eine feste Verabredung zu einer gemeinsamen Mittagspause mit einer Freundin, den Mut zu fassen, endlich einmal hinter die Kulissen der „Vietnamesische Esskultur“ zu schauen. Und ich kann schon mal vorwegnehmen: Gut, dass ich das gemacht habe.

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Das Pho Viet findet Ihr schräg gegenüber von Kellogs („Auf der Muggenburg“). Mit dem Rad einfach von Radio Bremen aus in Richtung des Cornflakes-Herstellers bzw. mit der Linie 3 bis zur Haltestelle „Europahafen“ düsen. Übersehen werdet ihr es nicht, geben große handgemalte Schilder in Richtung der Straße doch Auskunft darüber, dass es auf dem schrabbeligen Gelände etwas zu essen gibt. Wenn man sich hinauf traut, staunt man nicht schlecht: Hier soll ich was Gescheites auf den Teller bekommen? Hier, wo verrostete Grills neben leeren Getränkekisten und quietschenden Hollywood-Schaukeln lieblos abgestellt werden? Hier, wo auf dem Getränkekühlschrank ein diffuser Kabelsalat jeden Elektriker die blanke Angst in die Augen treiben würde? Die Antwort lautet: Ja, genau hier gibt´s was richtig Gutes zu essen!

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Ich bin kein Gastrokritiker und auch keine große Kennerin der vietnamesischen  Küche, aber esse gern gut. Und mir hat mein Mittagstisch aus Rindfleisch, Gemüse, Zitronengras und Knoblauch mit Reis hervorragend geschmeckt. Und noch nie stand ein Gericht so schnell auf meinem Tisch. Ich orderte, ging nochmal raus, um ein Foto mit dem Handy zu schießen, setzte mich dann mit dem Lütten auf dem Schoß hin – da kam das Essen auch schon angerauscht. Der Lütte machte daher große Augen, als er binnen Sekunden wieder im Kinderwagen abgelegt wurde. (Ich freu mich auf die Zeit, wenn er im Hochstuhl mit am Tisch sitzen kann. Dürfte nicht mehr lange dauern.) Kostenpunkt für dieses frische Mittagessen: 6 Euro.

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Die ganze Zeit über fühlte ich mich zurückversetzt in den Sommer 2013. In die Wochen, in denen ich allein mit dem Rucksack Bali bereiste. Denn was ich in dieser Zeit gelernt habe, ist eins: die einheimischen Gastronomien, die äußerlich am „vernachlässigtesten“ scheinen, haben fast immer das beste Essen. Dort schert man sich nicht um aufwendig hergestelltes Ambiente oder ´nen neuen Fassadenanstrich, sondern um fangfrischen Fisch, gute Würze und Gemüse vom Bauern des Vertrauens.

In Lissabon haben wir 2014 auch dort am besten gegessen, wo Plastiktischdecken und blinkende Neon-Werbeschilder eigentlich nicht zum Eintreten einluden. Wir taten es trotzdem, war uns doch aufgefallen, dass dort jeden Abend fast ausschließlich Einheimische essen. Gibt es ein verlässlicheres Zeichen dafür, dass es dort gute portugiesische Küche gibt?

Was ich sagen will: Das Pho Viet gewinnt im Innenbereich sicher keinen Designpreis und der Außenbereich könnte auch mal ein bissl aufgeräumt werden, aber das ist schnurz. Weil es authentisch ist. Weil es überhaupt nichts über die Qualität des Essens aussagt. Weil das Personal freundlich ist. Und weil es in den Regionen, in denen so gekocht wird, oft ganz genauso aussieht. So merkwürdig ist klingen mag – ich bin echt in Urlaubsstimmung gekommen während dieser Mittagspause.

 

Sandra

Sandra

Seit 2008 blogge ich nordisch-frisch über meine Heimatstadt Bremen und alle Regionen, in denen eine steife Brise weht und man lieber in Strandkörben als auf Designermöbeln Platz nimmt. Für Nordseeinseln schlägt mein Herz dabei besonders laut. Noch lauter allerdings für den Lütten, der seit Februar 2016 mein Leben auf wunderbare Weise auf den Kopf stellt.

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