Jetzt wird gependelt! Oder auch: Ab aufs Land #6

„Guten Morgen, hier kommen ihre Verkehrsnachrichten!“  Seit einiger Zeit wird gependelt. Das ist einer der sauren Äpfel, in die ich für den Umzug aufs Dorf beißen musste. Der sauerste, um ehrlich zu sein. Über den neuen Alltag, den Versuch, sich das Pendlerleben schön zu reden, und einen Appell an Bremens Stadtplaner. 

Dass das Pendeln mit dem Umzug kommen würde, war klar: Die tollen kurzen Wege Bremens, die sich so einfach mit Kindern im Lastenrad machen lassen, sind für uns vorbei. Sie sind zu mindestens 30 Minuten Autofahrt über die Stromer Landstraße geworden. Mit Bus und Bahn pendeln geht nur, wenn ich die Zeit pro Strecke verdoppele – und die Zeit habe ich im Moment schlicht und ergreifend nicht.

Und wie finde ich das? 

Blöd finde ich das. Die Straßen sind immer zu voll, die Parkplätze zu eng (eine Heckscheibe ist der Parksituation zum Opfer gefallen), die Zeit im Auto verlorene Zeit. Während Radfahren entspannt, ist Autofahren im besten Sinne “neutral” (nicht fürs Klima versteht sich). Das kann man sich nicht schön reden! 

Oder doch? Ein Versuch:

  1. Ich habe im Auto meine Ruhe! Denn die insgesamt fast 1 ½ Stunden, die ich derzeit im Auto verbringe, habe ich kinderfrei! Kein: “Wann sind wir endlich da” – “T. muss gleich spucken” – “R. haut mich” (Klassiker im Lastenrad!) – “Ich will nicht Auto fahren” – “Paw  Patrol, Paw Patrol” – “Ich will Kekse” – “Äpfel sind Bäh” – “Ich bin müde” “NICHT EINSCHLAFEN!!!”. Es ist – abgesehen vom Brummen des Motors – einfach still. Ruhe hatte ich das letzte Mal im Juli 2016. Ruhe kann ich echt gut gebrauchen.
  2. Ich habe nach der Arbeit Zeit abzuschalten. Die kurzen Wege in Bremen haben oft dafür gesorgt, dass ich mit dem Kopf noch halb im Job war, während ich eigentlich schon wieder voll in der Mutterrolle hätte aufgehen soll. Ein wenig Zeit zwischen PR-Meike und Mama-Meike tut wirklich gut. 
  3. Ich kann nichts Sinnvolles tun. Wer Auto fährt, kann nicht arbeiten. Ich komme also nicht mal in die Verlegenheit, in Arbeitsmails zu schauen. Ich kann maximal nachdenken. Und das hat der Kreativität ja bekanntlich noch nie geschadet.
  4. Endlich Zeit für Podcasts und Radio-Features. Pendeln im Jahr 2019 ist doch eigentlich ganz cool. Dank der 30 Trilliarden Podcast-Angebote, die es so gibt, muss die Autofahrt wirklich nicht langweilig werden. Abends vorher wird jetzt gestreamt, was ich morgens hören will (immer her mit Hörempfehlungen!). Oder ich genieße einfach mal die Arbeit der grandiosen Deutschlandfunk-Kolleg*innen. Während ich abends im Bett regelmäßig über Hörspielen eingeschlafen bin, schaffe ich jetzt richtig was weg und fühle mich mal wieder wie eine normale Frau, die hören kann, was SIE will.

Also nochmal: Wie finde ich das Pendeln mit dem Auto?

Blöder als Radfahren. Blöder als eine gute Verbindung mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln – die es einfach nicht gibt. Aber es geht. Es geht auch deshalb, weil mein Arbeitgeber mir Gleitzeit ermöglicht und ich morgens vor 7 Uhr durch die Stadt fahren kann, wenn die Straßen noch frei sind. Es geht auch, weil ich einmal in der Woche von Vegesack aus arbeiten kann (für alle Ortsfremden: Bremens kleine Perle etwa 20 Kilometer nördlich der Innenstadt, aus der auch Jan Böhmermann stammt). Die Tour in die Außenstelle geht zwar mit Rad und Fähre nicht schneller als die Strecke mit dem Auto in die Innenstadt. Aber ich verpeste einmal in der Woche nicht die Luft und tue was für mich und meine nicht mehr vorhandene Fitness.

Spannend wird die Frage nach der Zufriedenheit beim Pendeln wieder, wenn die aktuelle Bremer Regierung – wie geplant – die autofreie Innenstadt durchsetzt. 

Autofreie Innenstadt in Bremen – und dann?

Ich bin ein großer Befürworter dieser Idee – sofern es eine Lösung für die Pendler gibt. 2018 pendelten laut Aussage der Arbeitnehmerkammer (mein Arbeitgeber, Info zur Transparenz) über 118.000 Personen in die Stadt Bremen. Laut Kammer nutzen dabei die  meisten das Auto. Aufgrund des schlecht ausgebauten Nahverkehrs, sei dies die einzige praktikable Lösung.

So ist es auch bei mir. Wir wohnen in einem Ortsteil außerhalb von Lemwerder. Mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln zu Pendeln würde für mich pro Strecke 30 Minuten mehr Pendelzeit bedeuten – womit ich mit knapp eineinhalb Stunden pro Strecke rechnen müsste. Gleichzeitig hätte ich keine Möglichkeit, unsere Kinder vom Kindergarten abzuholen, da es keine regelmäßige Busanbindung an unseren Ortsteil gibt. Die Strecke ist bei gutem Wetter und ohne Einkäufe auch mit dem Rad machbar. Aber eben auch nur dann.

Wenn jetzt also die Bremer Innenstadt autofrei werden soll, frage ich mich schon, wie wir Pendler alle in die Stadt kommen sollen. Links der Weser gibt es aktuell kein einziges Parkhaus (abgesehen von den Parkhäusern am Flughafen, die für ihre saftigen Preise bekannt sind) – geschweige denn eine gute Park and Ride-Anbindung aus Richtung Woltmershausen.

Pendeln nach Bremen: Kampf dem Verkehrschaos

Man kann nur hoffen, dass sich die Stadtplaner da etwas einfallen lassen. Und das nicht nur für mich und die anderen Einpendler. Immerhin entstehen im alten Tabakquartier gerade jede Menge Büroräume, in denen ja künftig hoffentlich viele Menschen arbeiten, die auch eine Anbindung brauchen. Ich – Laie und Bürgerin – erlaube mit hier einen kleinen Wink mit dem Zaunpfahl in Richtung Bremer Politik. Überlegt euch da mal was Schlaues, was auch den Pendlern zugute kommt. Zwei Fliegen mit einer Klappe und so… Wäre doch doof, wenn hier ein neues Verkehrschaos, wie in der Überseestadt, entstehen würde.

Ich kann nur hoffen, dass nachgerüstet wird und die Städter bei ihren Entscheidungen die Dörfler nicht vergessen. Stadtstaat hin oder her – hinter der Bremer Landesgrenze wohnen auch noch Menschen. Zur Erinnerung: Rausgezogen sind wir, weil es in der Stadt zu teuer wurde – nicht, weil das unsere allererste Wahl gewesen wäre.  (Jetzt wo wir umgezogen sind fragen wir uns übrigens, warum eigentlich nicht???)

In der Zwischenzeit höre ich den Deutschlandfunk und lebe meinen neuen Pendleralltag im Auto. Ich bin trotz allem sehr dankbar, dass ich unterschiedliche Möglichkeiten habe, um Arbeit, Arbeitsweg und Familie unter einen Hut zu bekommen.  Das kann nicht jeder. In Lemwerder habe ich bereits die ersten Mütter (PLURAL!) kennengelernt, die ihren Job in Bremen an den Nagel gehängt haben oder hängen wollen, weil die Wege zu den Stoßzeiten nicht mehr machbar waren. 

Gehört ihr auch zum Pendlertrupp? Wie organisiert ihr euch? Ich bin sehr gespannt auf eure Geschichten!

About Meike Lorenzen

Meike liebt Bremen, zieht aber dennoch weg aus der Hansestadt. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge geht es aufgrund der urbanen Wohnungsnot in die Wesermarsch. Als vierköpfige Familie. Wie es ist, Abschied zu nehmen, was der Umzug für die Kinder bedeutet und wie das Pendeln zur Arbeitsstelle in Bremen zum bisherigen Vereinbarkeits-Rhythmus passt – darüber schreibt Meike einmal im Monat in der Kolumne „Ab auf´s Land“.

2 thoughts on “Jetzt wird gependelt! Oder auch: Ab aufs Land #6

  1. Ich pendle seit (inkl. Studium) 13 Jahren. Und ja, es ist eigentlich eine Hass-Liebe, aber für meinen Job ist es tatsächlich von Vorteil, nicht in der Stadt zu leben, in der ich arbeite. Mir begegnen in der Freizeit eigentlich nie meine KlientInnen, das finde ich sehr, sehr gut.
    Und ansonsten versuche ich, das Beste aus der Auto-Zeit heraus zu holen: ich höre Podcasts, Musik, manchmal denke ich auch einfach nur nach.
    In den Wintermonaten schlaucht das „im Dunkeln losfahren und im Dunkeln nach Hause kommen“ total. Dafür sehe ich aber oft wunderschöne Sonnenaufgänge oder genieße die Sitzheizung 🙂
    Ich würde wirklich gern mit dem Rad zur Arbeit fahren können, aber in meinem derzeitigen Job eben lieber nicht. Und ich muss nicht mehr jeden Tag fahren.
    Dafür fliege ich nicht. Das gleicht sich ja eventuell ein bisschen aus.
    Also: ich fühle da ähnlich wie Du und denke, dass es nie ein „zufriedenstellend“ geben wird in Bezug auf die Pendelei.

    Machen wir also (erstmal) das Beste draus 😉

    Liebe Grüße!
    Katja

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